Fifty Shades of Grey – die gemeine Poesie der Erwartungshaltung

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Die Erwartungshaltung ist ein Hund. Das zeigt sich nicht nur beim Zugfahren in der ÖBB Ruhezone (dort ist es nämlich alles mögliche, nur nicht ruhig), sondern trifft auch für das ein oder andere Buchcover zu. Über Thomas Bernhard wird erzählt, dass sich die Leute bei ihm beschwert hätten, weil sein Buch „Beton“, im Fachhandel in der Abteilung „Bauen und Wohnen“ einsortiert, ihren Erwartungen so gar nicht entsprochen habe. Wie muss es dann wohl erst seinem Roman „Holzfällen“ ergangen sein, möchte man denken, wenn man durch unser Festschriften-Regal schweift. Dort findet sich immerhin ein Werk mit dem pragmatischen Titel: Brücken bauen.
Fifty Shades

Festschriftenpoesie
Die Festschrift, von jeher eher ein literarisches Nischenprodukt,  dient heute allenfalls noch dazu Studenten mit dem Staub der Vergangenheit maximal zu langweilen. Auch die Publikationsgeschichte mancher Festschriften gleicht eher einem Trauerspiel mit hässlichem Termindruck, vergnüglich dazu Über das allmähliche Verfertigen der Festschrift beim Lektorieren. Vielleicht um ihren eher randständigen Charakter im Buchregal mit dem gewissen Chic zu kompensieren, tragen Festschriften oft die poetischsten, ja man möchte fast sagen, reißerischsten Titel. Sie funktionieren grundsätzlich nach der Formel „Hauptwort UND Hauptwort“ (Wahrheit und Pflicht/Krieg und Frieden/Sinn und Sinnlichkeit, etc.), beinhalten aber auch gerne ganze Sätze, die in Goldprägung auf körniges Dunkelblau hingeworfen sind, und jedem von Eichendorffschen Zitatespiegel Konkurrenz machen könnten: Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus. Eine besonders obskure Kategorie von Schriftentiteln vergemeinschaftet schließlich einen regionalen Aspekt mit einem möglichst weit umfassenden Sinnwort, was dann ungefähr so klingt:  Die Sintzsheimer Abgründe, die Olbrichsburger Argumente oder die berühmten Hohenheimer Horizonte, wer kennt sie nicht. Eine besondere Vorliebe für derlei imposantes Titelwerk hegt man offenbar in der Schweiz.

Fifty Shades of Grey

Ein Lehrender der hiesigen Anstalt schrieb jedenfalls eine Habilitation mit dem Titel „Wert und Preis“, und das ist ja nun von Jane Austens berühmten Roman „Stolz und Vorurteil“ durchaus nicht mehr weit entfernt, auch wenn darin wohl mehr geliebt und geleidenschaftet wird als im Gesellschaftsrecht.

Dont judge a Book by its cover
Aber nicht nur der Titel, auch das Coverbild eines Buches kann in die Irre führen und überzogene Erwartungen wecken. Erstaunliche Assoziationen und ein überwältigendes Hungergefühl weckten vor Kurzem einige neu eingetroffene Bücher zum englischen Schadenersatzrecht/Tort law, die auf den ersten Blick eher der Kochbuchsparte entstammen könnten. Tort law, na klar, von Torte, da müssen ja Kekse aufs Cover, könnte man meinen, aber dieser Kalauer ist denn doch etwas zu platt als dass wir ihn uns ernsthaft als Erklärung in Betracht ziehen wollten.

Absoluter Gewinner in dieser Kategorie bleibt bis heute der Delfin auf dem Kommentar für Arbeitsrecht, der uns Rätsel aufgibt. Warum der Delfin? Gelten Delfine als besonders sozial oder fleissig? Sollte drum hier die Brücke zum Sozialrecht zaghaft angedeutet werden? Sind sie in Gruppen unterwegs, vielleicht ein zarter Verweis auf das Kollektivvertragsrecht?.. Wir werden es wohl nie erfahren, womöglich hatte einfach jemand im Verlag eine Wette verloren, oder dem Setzer sind in der Hektik der Drucklegung eine Handvoll Urlaubsfotos ausgekommen. Wir Bibliothekare wollen ja immer das Gute und Schöne in den Dingen sehen, und vor allem erkennen wir stets ein System, selbst dort noch wo möglicherweise purer Zufall am Werk ist, oder anders gesprochen: Wenn man lange genug den Mond anstarrt, sieht irgendwann jeder ein Gesicht.

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Danksagungen
Aus diesem Grund werden wir sogar gelegentlich bedankt, was auch in poetischen Formulierungen geschieht.

 

Ein Garten voller bunter Pflanzen

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In einer großen Universitätsbibliothek ist immer etwas los. Während das Wetter in Wien sich zunehmend zur Stimmung eines Rilkegedichts verdüstert (Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben..), läuft die Bucherwerbung zu ihrem absoluten Höhepunkt auf. Zu keiner Zeit des Jahres werden so viele Bücher bestellt wie jetzt.

Wie die meisten Bibliothekarinnen haben wir eine bibliophile Ader, die sich gerne auch an rechtshistorischen Obskuritäten, Illustrationen, alten Stempeln und Exlibri sowie philosphischen Abhandlungen über das Rechtswesen und den Buchmarkt erfreut. Deswegen freut es uns besonders, wenn um diese Zeit des Jahres auch das ein oder andere Werk dieser Sorte zu uns kommt. Hier etwa ein Ausstellungskatalog zu Recht im Bild.

 

Wie auf Schienen: Haftungsfragen selbstfahrender Autos und die didaktische Apokalypse

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Zwei- oder dreimal im Monat stehe ich mit einer Kollegin vor Studierenden und bringe ihnen die Grundlagen der juristischen Recherche bei. Wir machen vor allem die Datenbanken, wir zeigen wie sie in der RDB und im RIS Gesetze und Artikel finden, und besuchen die selbst von Praktikern eher gefürchtete Parlamentsseite. Wir erzählen ihnen aber auch, was eine Festschrift ist (das wissen die Studenten heutzutage wirklich nicht mehr). Unser Standardsatz dazu lautet „Eine Festschrift hat vorne drin ein Selfie des Autors!“, weshalb man sie auch Selfie-Schriften nennen könnte. Ein billiger Schmäh, aber er wirkt. Dann erklären wir, wie man mit Kommentaren und Entscheidungssammlungen zurecht kommt, womit man Zitierweisen und Abkürzungen entschlüsseln kann (RIDA), und wo man fündig wird, wenn es einmal wirklich altes Material aus der Kaiserzeit sein soll (ANNO, ALEX, docdel).

Der Vorführeffekt

Im Internet in Kursen live etwas vorzurecherchieren gehört so etwa zum Anspruchsvollsten was man machen kann. Denn erstens ist das Internet eine Diva mit wechselnden Launen, und zweitens lauert er überall: Der Vorführeffekt. Wir kennen das alle, man klickt auf den Link „und hier sehen Sie, wie von Zauberhand, gleich öffnet sich ein Fenster“ und es öffnet sich eben nichts, sondern es passieren andere, schlimme Dinge. Und wir sehen vor unserem inneren Auge Alfred Biolek in einer dieser 80er Jahre Kochshows, und er sagt „Sehen Sie! die vollautomatische Orangenentsaftungspresse häckselt ganz kinderleicht ihre Orangen“ und die Orangen fliegen durch die Küche, der Entsafter, der doch eben noch kinderleicht, er bricht in zwei Teile und Biolek ist voller Orangensaft, und sehen Sie: So ähnlich ist das, wenn man im Internet etwas live vor Studierenden vorrecherchiert.

Vertretung von Gemeinden

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Man sollte deshalb selbst als Vortragsprofi nie auf die Idee kommen, nur mal schnell „spontan etwas auszuprobieren“ – das Risiko, dass etwas schief geht und Sie enden wie Biolek, ist relativ hoch. Aus diesem Grund hatten wir uns über die Jahre einige gut funktionierende und erprobte Beispiele zurechtgelegt, und eines dieser Beispiele war „Vertretung von Gemeinden“. Vertretung von Gemeinden heißt ein Paragraph im ABGB und wir hatten das Beispiel aus einer Themenliste unserer Lehrenden übernommen. Es gipfelte in einem OGH-Urteil über ein Benediktinerstift, das einen Hauswart kündigen wollte, und der Frage, ob die das nun dürfen oder nicht. „Vertretung von Gemeinden“ war als Beispiel ungefähr so sexy wie Gemüsebrühe, aber es war ein gutes und vor allem tatsächlich an der Uni von Studierenden bearbeitetes Thema, es trug uns gut durch die Zeit. „Vertretung von Gemeinden“ ermöglichte uns einen hurtigen Parforceritt durch die verschiedensten Datenbanken, und wir konnten anhand von nur einem Beispiel sowohl die Suche nach OGH-Urteilen und Zeitschriften mittels Operatoren, als auch das für Juristen symptomatische Abkürzungs-Chaos umfangreich behandeln. In der ersten Zeit, als ich vor dem Halten solcher Kurse noch schlaflose Nächte hatte, war „Vertretung von Gemeinden“ mein vertrauter Rettungsanker, der mich durch die Lehrveranstaltung trug. Mit der Zeit, und nach vielen vielen Kursen wurde es dann immer mehr zu einem lästigen  Ohrwurm, der nach Belebung durch etwas Frisches rief, er war schlicht zur Routine geworden. Noch heute aber könnten meine Kolleginnen und ich spontan auf jedem Marktplatz der Welt einen kurzen Vortrag über „Vertretung von Gemeinden“ und den Benediktinermönch halten, so sehr ist uns das Beispiel in Fleisch und Blut übergegangen.

Selbstfahrende Autos

Unser neues Beispiel handelt von selbstfahrenden Autos, und das finden wir aus mehreren Gründen ganz großartig. Wir befinden uns im Schadenersatzrecht, und das gefällt den Studierenden schon einmal. Im Schadenersatz geht es ja meistens darum, dass jemand einem anderem wehtut, etwas wegnimmt oder etwas kaputtgemacht wird, zum Beispiel man stutzt seine Hecke mit der Gartenschere und dabei versehentlich die Katze vom Nachbarn mit, und das gefällt den Leuten, denn es ist schön plakativ und man kann sich darunter (anders als bei der Rückabwicklung im Dreiecksverhältnis), zumindest etwas vorstellen.
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Am Schadenersatzrecht kann man gut den Technologiewandel begreifbar machen. Denn ging es in älteren Fällen darum, dass echte Menschen etwas falsch machen, so geht es jetzt zunehmend um Maschinen und Roboter, die nicht im herkömmlichen Sinne des Gesetzes „schuld“ an etwas sein können, aber dennoch selten tun, was sie sollen, wie etwa selbstfahrende Autos, Rasenmäherroboter (liebevoll auch elektronische Schafe genannt) oder schlicht Algorithmen.

Wer haftet?
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In unserem neuen Beispiel geht es also darum, wer haftet, wenn es zu Unfällen mit selbstfahrenden Autos kommt. Bei dieser Gelegenheit kann man herrlich auf alles eingehen, was den juristischen Beruf ausmacht: Eine gewisse Kreativität beim Interpretieren von Sachverhalten, die Freude am Analysieren von technischen Neuerungen, und nicht zuletzt das Bilden von Analogien für jene Zeichen des digitalen Fortschritts, für die der Gesetzgeber noch keine Lösung geschaffen hat: Denkt man sich das selbstfahrende Auto als eine Art Waggon, der wie von Zauberhand auf virtuellen Bahnen gelenkt wird, quasi „wie auf Schienen“, dann ist man schnell bei einem anderen Verkehrsmittel, nämlich der Eisenbahn. Und somit im EKHG und zunächst einer Art von Gefährdungshaftung, die das Gesetz für Tätigkeiten vorsieht, die man als „an sich gefährlich“ einstufen könnte, wie das Betreiben schwerer Maschinen, oder das Bilden einer Bundesregierung.

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Kluge Menschen haben sich darüber hinaus gefragt, ob das selbstfahrende Auto dem Betreiber wie eine Art Lehrling zuzurechnen sei, was dann wieder eine Art Verschuldenshaftung wäre. Und um das Kaleidoskop der Haftungsarten komplett zu machen, kann man die Sache auf die Spitze zu treiben, nämlich über das Produkthaftungsgesetz. Mittels einer Haftung für die zugrundeliegende Software könnte man in solchen Fällen den Hersteller der selbstfahrenden Autos belangen. Wenn man, und auch darüber ist diskutiert worden, denn annimmt dass Software ein körperliches Produkt im Sinne des PHG darstellt..und so weiter und so weiter, und letztlich landet man bei all diesen Themen  immer auch noch im Versicherungsrecht, dem etwas stoffeligen großen Bruder des Schadenersatzes.
Dies alles sind Fragen, anhand derer man wirklich sehr plastisch die Fortentwicklung von Technik und Recht beobachten kann, und die sich in Zukunft vielleicht noch viel häufiger stellen werden. Jedenfalls aber eignen sie sich hervorragend um mit Studierenden zu diskutieren und Gedankenexperimente anzuregen.

Didaktisch hinterlistig, wie wir sind, kann man zu Beginn ein kleines führerloses Auto an die Tafel zeichnen. Solche billigen Taschenspielertricks sind zwar ordinär, aber äußerst wirksam: Die Zuhörer merken sich so etwas nämlich. Sie denken dann von Zeit zu Zeit bei selbstfahrenden Autos an diese kleine Zeichnung, an den Kurs, und die juristischen Bibliothekarinnen, die ihn gehalten haben, und sie denken „Ah ja, das waren die mit dem Auto!“.
Nicht zuletzt finden wir es toll, dass zu all diesen und zusammenhängenden Haftungsfragen auch an unserer Uni schon Lehrende publiziert und kommentiert haben, von dem Manches sogar erst erscheinen wird. Stellvertretend für Viele:

Maximilian Harnoncourt, Haftungsrechtliche Aspekte des autonomen Fahrens (FN 1 , ZVR 2016/228 (547)

In diesem Sinne haben wir uns am vergangenen Mittwoch mit einem weinenden und einem lachenden Auge von unserem geliebten Anfangsbeispiel „Vertretung von Gemeinden“ verabschiedet. Wir werden es immer in Ehren halten, und wir hoffen dass unsere Kurse weiterhin so gut ankommen und laufen wie bisher, eben:
Wie auf Schienen.

 

 

 

 

 

 

Cover Art

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Gestern habe ich mein Büro verschönert. Aus einer Sammlung von Buchumschlägen, die schon seit vielen Monaten bei mir herumlagen, entstand in Windeseile und einem Inferno aus Uhukleber eine wandfüllende Kunstlandschaft aus Rechtstiteln.

Die Buchumschläge werden im Bibliotheksalltag spätestens in der Adjustierung nämlich abmontiert und entsorgt, was ich immer ein wenig schade fand. Aber in der Benutzung würde der Umschlag nur stören und schnell kaputtgehen, außerdem kann man das Buch so nicht etikettieren, daher handhaben das eigentlich alle Bibliotheken so.

Man sieht jedenfalls, dass unsere Departments ganz schön vielfältig bestellen, speziell die Oxford Handbooks haben immer wieder klassische Gemälde am Cover, die meistens auch einen Bezug zum Inhalt haben (zB Menschenrechte). Ich habe so in den letzten Jahren schon einiges über Kunstgeschichte gelernt, weil ich die Bilder zunächst mal selbst recherchieren musste.

Space Ship insights

Letzte Woche wurde ich vertauscht. Das heißt: Ich durfte für einen Kurzdienst von 2 Stunden im Team Regalmanagement im Library Center schnuppern kommen, und habe dadurch deren Aufgaben- und Einsatzgebiete etwas besser kennen gelernt.

Flughafen

Das Library Center funktioniert vom System her wie ein riesiger Flughafen, und schließlich sieht es ja auch aus wie ein Raumschiff. Hier arbeiten teilweise sehr viele verschiedene Personen an einem Prozess mit, d.h. dass systemisch dasselbe gilt wie in jedem größeren Krankenhaus:

  • Alles muss genau gekennzeichnet sein
  • Aufgaben sind möglichst so organisiert, dass sie nicht an eine bestimmte Person geknüpft sind, und:
  • Kommunikation ist entscheidend.

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Die Post bringt allen was

Ein wesentliches Service, das vom LC Team aus gesteuert wird, ist der CAMPUSLIEFERDIENST. Mit dem Campuslieferdienst werden Bücher aus dem Learning Center an die anderen Departments geliefert und auch von dort wieder zurück transferiert. Beides erfordert jedenfalls eine Menge verschiedenfarbiger Kisten und eine ausgeklügelte und komplexe Organisation. Im Grunde genommen sind immer von jeder Farbsorte mindestens zwei Kisten im Einsatz: Eine steht am Department und wartet auf Abholung, eine neue, gefüllte wird vom Lieferdienst gebracht, der im selben Zug die Retour-Kiste mitnimmt.

Wer (wie ich) bei der Post gearbeitet hat, ahnt bereits hier die wesentlichen philosophischen Fragen, die es zu erforschen gilt:

-Es kommt etwas in der Kiste mit, was nicht zu uns soll–>WARUM nur WARUM?
-Es kommt etwas NICHT in der Kiste mit, was aber SEHR WOHL zu uns soll.–>WARUM nur WARUM..?


Das Kofferband für Bücher

Unsere Bücher sind mit Barcodes und RFID Tags bestückt, das sind so die technischen Basics auf denen so ziemlich alle Prozesse beruhen. Bücher können an unserem Rückgabeautomaten auch spät abends noch retourniert werden, solange das Gebäude offen hat. Von den Rückgabeautomaten gibt es sicherheitshalber gleich zwei, und sie heißen MASTER und SLAVE (habe ich nicht erfunden, das ist wirklich so).

Hier sieht man wie ein Buch in die Einflugschneise kommt und in den entsprechenden Korb fällt.

 

Die WU bekommt Fernleihen aus aller Welt, und wenn diese etwa aus einem anderen Bibliothekssystem stammen, ist nicht gesagt, dass sie mit unserer Technik kompatibel sind. Das System ist aber schlau genug, um in solchen Fällen fiktive Barcodes vergeben zu können, damit auch Fremdmedien ein „Mascherl“ haben und erkennbar sind.

Geht bei all diesen komplexen Prozessen etwas schief, passiert dasselbe wie am Flughafen: Ein Koffer fliegt nach Indien, während der Besitzer nichtsahnend in Amsterdam sitzt.

Meter machen

Im Library Center werden Schalterdienste versehen, Aushebungen aus Magazinen und Bereitstellungen gemacht, Fernleihen spediert und nebenbei im Turnus Medien auf 6 Stockwerken eingesammelt, sortiert und rückgestellt. Wesentlich wichtiger als in den doch vergleichsweise überschaubaren Spezialbibliotheken ist daher eine gute Zeiteinteilung, oder man muss fast sagen, ein gutes Schritt-Management: Wenn man eine Aushebung aus dem Sondermagazin, zwei Fernleihen aus verschiedenen Stockwerken und zwei Wagen voll Bücher für den Freihand Bereich abwickeln muss, ist man gut beraten vorher zu überlegen, welche Route durchs Haus man nimmt, um keine leeren Meter zu machen. Da die Aufgaben auch nicht alle die gleiche Dringlichkeit haben, muss man im Kopf quasi laufend Prioritäten setzen „das mache ich jetzt zuerst“. Die Dienste im Library Center sind sicher sportlich fordernder und auch teilweise abwechslungsreicher als bei uns, dafür kommt man aber auch im ganzen Haus herum.

Alte Bekannte

wurden auch angetroffen; unter anderem einen Jus-Studenten, der mal Integrationsstaatsekretär war, lang ist s her (2013), und eine versteckte Sammlung von Loseblattsammlungen, die hier nur auf Anfrage verwendbar sind. Falls Sie mal Ihre Loseblattsammlung verwildert haben: Hier ist sozusagen der Modus Werkszustand.
UNTEN: Auch die Sicherheitsdienste diskutieren über den Rechtsfall „Was eine Jacke sei und warum“  und haben entsprechende Leitjudikatur ausgehängt.

Der Austauschdienst im LC war wirklich spannend und bereichernd. Ein interessantes Buch, das jemand per Fernleihe bestellt hatte, ist mir dann auch noch untergekommen, es wird natürlich für unsere juristische Bibliothek gleich auch bestellt.
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Karteikarten – Das Analoge schlägt zurück

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Eines Abends konnte eine Nutzerin ihr Handy nicht mehr finden. Es war schon nach der Öffnungszeit und die Verzweiflung groß, daher halfen wir ihr neben dem Rückstellen der Bücher alle Flächen abzusuchen. Natürlich kamen wir nach dem ersten Durchforsten auf das Naheliegende: Wir riefen die Nummer vom Handy an. Von unserem Schalterttelefon aus ließen wir die Nutzerin ihre Nummer eingeben, und tatsächlich vernahmen wir ein zaghaftes Summen von vage irgendwoher. Irritierenderweise schien es aus dem Bestand zu kommen, also: Von zwischen den Regalen. Wir also wie Hänsel und Gretel dem Geräusch hinterher, man fand sich wieder vor dem Privatrechts-Regal: Das Privatrechts-Regal vibrierte und summte in der ansonsten mucksmäuschenstillen Bibliothek, und an dieser Stelle hatte die Szene schon einigermaßen an Horrorfilm-Qualität gewonnen. Kurz bevor selig Franz von Zeiller höchstselbst als Gespenst dem Regal entsteigen konnte, wurde des doch recht irdischen Rätsels Lösung offenbar: Das Handy war in einem Buch stecken geblieben. Die Nutzerin hatte das Buch im Weggehen eilig zugeklappt und so war das Werk samt elektronischer Einlage ins Regal zurück geräumt worden. Ein bestürzender und etwas gruseliger Beleg für die Effizienz, mit der bei uns gearbeitet wird, und der sich seither auch noch in abgewandelten Formen wiederholt hat. Ich aber dachte so bei mir: Das Analoge schlägt zurück! Und diese Begebenheit ist mir heute wieder eingefallen, weil wir nämlich Karteikarten ins Haus bekommen haben.

 

Wie damals beim Vokabeln lernen

Karteikarten (für die Jahrtausendergeneration: Das ist so eine Art Wikipedia, die man auf Zetteln ausgedruckt hat), das kennt man ja heute nicht mehr so, da kaum noch sichtbar damit gearbeitet wird. Tatsächlich sind Karteikarten aber bei Studierenden immer noch ein beliebtes Lernmittel, und es gibt trotz anders lautender Gerüchte immer noch genug Menschen, die das Haptische mögen oder sogar brauchen, die lieber aus gedruckten Büchern lernen, weil sie dort etwas anstreichen und markieren können, usw.

Als Bibliothek machen wir um solche Medien zwar grundsätzlich einen Bogen, denn es lässt sich ja denken was in der freien Nutzung durch lernwütige Bibliotheksbesucher mit so einem Karteikartensatz geschieht. Im vorliegenden Fall lag die Sache aber anders: Diese Karteikarten sind wirklich toll gemacht, es haben Lehrende aus unserem Haus mitgearbeitet, und wir finden es sinnvoll eine Art Belegexemplar in der Bibliothek zu sammeln.

Der natürliche Feind des Buches ist der Nutzer

Natürlich stellten sich bei der Inventarisierung gewisse Fragen: Wie sollen wir das Ganze aufbewahren? Wo bekommt man noch einen Karteikartenkasten her (es wurde ein guter  gefunden), welche Farbe soll er haben (blau natürlich), und vor allem WAS zum Kuckuck schreiben wir in die Signatur..? Die Karteikarten gehören zu den berüchtigten NBM: Non Book Materials, der Alptraum aller Bibliothekare. Darunter fallen CD-Roms (Dank Danzl/Schmerzengeld-Entscheidungen haben wir auch hier einen absonderlichen aber notwendigen Vertreter), Spiele, Gießkannen und auch sonst alles was Sie bei Thalia auf vielen Geschoßen verteilt bekommen, obwohl es eben KEIN Buch im herkömmlichen Sinne darstellt.

In der Signatur steht nun: Auf Anfrage benutzbar in Zimmer (mein Büro), und auf meine abschließende Frage in die Runde, ob man einen elektronischen Sicherungsstreifen auf das Endergebnis unserer Bemühungen aufbringen sollte, bekam ich zur Antwort: „Nein, diese Karteikarten sicherst du mit deinem Leben!“.

Schützend werde ich mich also in Hinkunft vor diese Karteikarten werfen, wenn sie von auf Anfrage Benützenden nicht maßvoll gehandhabt werden. Kommen Sie aber gerne vorbei und nehmen Sie selbst Einsicht! Auf Bald 🙂

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*Titelbild oben: Das gedruckte Lehrbuch stirbt nicht aus: Gefunden in einem offenen Bücherschrank bei Bingen

 

 

Printreserve

Wir so, wenn die große Datenapokalypse im Internet alle Server lahmlegt, wir aber alle Kommentare und Zeitschriften zusätzlich noch mal in Print gekauft haben..
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Dieses Bild hat mir mein GG auf einem Flohmarkt verehrt, und ich plane seit Monaten es endlich in meinem Büro zur Aufhängung gelangen zu lassen. Leider vergesse ich jeden Morgen einen kleinen Nagel mitzunehmen. Warum, werden Sie jetzt fragen, beauftragt man damit nicht mal eben schnell die Haustechnik? Tja, wenn Sie sich das fragen, dann haben Sie noch nie an einer Universität gearbeitet 🙂

Zeichen: Für Kelsen holen wir auch China in den Katalog

Durch die Erschließung der RILL Bibliothek ist kürzlich auch ein Buch in unseren Bestand gelangt, das über weite Teile in chinesischer Schrift verfasst ist. Es handelt sich, wie der kundige Leser sofort erkennt, um eine Übersetzung von Günther Winklers „Wertbetrachtung im Recht“. Bücher mit Zeichen aus anderen Schriftsystemen stellen selbst für moderne Bibliothekssysteme eine Herausforderung dar, und oft bedarf es einer kollegialen Kooperation mehrerer Bibliotheken (und Übersetzerinnen), um einen solchen Datensatz schön in den Katalog zu bringen. Doch wenn es um KELSEN geht, und selbst wenn er nur am Rande im Literaturverzeichnis auftaucht, ist kein Weg zu weit: Es ist gelungen! Und wir dürfen uns nun über das freuen, was unsere Kollegin treffend als „luxuriös ausgestatteten“ Datensatz bezeichnete.. so sieht das Ergebnis dann aus.

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Der Nutzer und die Nutzerin bekommen von alledem freilich kaum etwas mit, und nur wenige Menschen ahnen, welche Arbeit hinter einer solchen Erfassungsarbeit steckt..

Rabatte, Rabatte – Meine Soon to happen Karriere als juristische Influencerin

„Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich lesen? und: Was soll ich schreiben?“
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Die Verlage verwöhnen dieser Tage mit einer Parade von kreativen Werbemitteln (ich schrieb hier neulich schon über meine Kodex-Tasche). Nun gibt es zum 40 Jahre Kodex Jubiläum auch die passende Broschüre (ich warte nur noch auf das Notizbuch in Kodexform), außerdem saftige Rabatte, und ein Folder über Erscheinungen aus dem Arbeitsrecht von MANZ kommt gleich als ganzes aufklappbares Papierhäuschen daher. Ehrlicherweise muss ich ja gestehen, dass man mich mit solchen billigen Taschenspieler-Tricks einfach kriegt, also ich bin für kreatives Marketing schon sehr anfällig.

In den Medien hört man in letzter Zeit viel über Influencer. Das sind diese (mostly) jungen Leute, die ihr Geld damit verdienen auf Plattformen Werbung für Produkte, Reisen und Livestyle zu machen. Und zwar ist das Werbung die möglichst nicht wie Werbung wirken soll, sondern mehr so also würde einem eine gute Freundin zwinker zwinker den absoluten Geheimtipp geben.

Ich frage mich dann immer, ob ich in Wahrheit nicht selbst auf eine Karriere als Influencerin zusteuere oder gar schon eine bin, nur dass ich eben Werbung für Bücher und Bibliotheken mache. Mit einer lieben Kollegin (Grüße!) habe ich vor Jahren schon darüber gewitzelt wie unsere Karrieren als Bibliothekarische Influencerinnen aussehen würden: Wir würden das Essen in der Mensa kommentieren und uns mit diversen Verlagstaschen und T-Shirts ausstatten lassen, außerdem würden wir natürlich jeden Tag ein Video online stellen, in dem man uns sich räkelnd mit verschiedenen juristischen Fachpublikationen sieht. Etwa so: „Also morgens, nach dem Aufstehen, da gönne ich mir erst mal einen schönen Chai Latte und ein Kapitel vom PSK Grundriss des Bürgerlichen Rechts in der 5. Auflage mit Glossar, um richtig wach zu werden!“, oder „An Regentagen nehme ich ja immer gerne den Rummel zur Hand, und genieße ein zwei Passagen Kommentierung zum Stellvertretenden Commodum!“.

Bedauerlicherweise lesen sich ja juristische Texte häufig eher so:
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Mit unserem Charme würden wir noch der letzten spröden Festschrift zu Ruhm und Esprit verhelfen. Studierende würden uns zujubeln und hypen, Lehrende würden uns beknien ihre neuesten Publikationen zu bewerben.

Vielleicht zu Unrecht aber haben Influencer einen relativ schlechten Ruf und werden häufig belächelt, sie würden nichts Gescheites arbeiten. Für unsere Eltern ist es rätselhaft, dass man seinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, akribisch verschiedene Kopfhörer-Sets oder Energy-Drinks in eine Smartphone Kamera zu halten, und dabei ihre Vor- und Nachteile zu besprechen. Neulich las ich, dass Influencer aber auch nichts anderes seien als die Kaffeefahrten-Organisateure und Haustür-Staubsauger Vertreter der 50er Jahre. Wenn man sich also vor Augen hält, dass das Empfehlen von Makeup-Produkten und Yogahosen auf Instagram auch nichts anderes ist als die Frau, die mit dem Strahlen im Gesicht sagt: ‚Aber dann hat mir meine Freundin Perlweiß empfohlen!“, dann ist das alles auch wieder gar nicht so neu.

Früher gab es diese Werbespots für Abführmittel, in denen meistens eine Frau von Verdauungsbeschwerden geplagt war. Dann kam Mutti ins Bild (beim Waldspaziergang) und verriet mit verschwörerischer Stimme ihr Geheimnis gegen das unangenehme Magengrummeln. Das Konzept von Influencing basiert auf einem ähnlichen Vertrauensverhältnis: Wenn Mutti es sagt, nunja sie muss es ja wissen, wenn die Dings dieses Produkt verwendet, also dann muss es ja gut sein.

Ob Abführmittel oder Energydrink: Jede Zeit bekommt eben die Werbung, die sie verdient.

Also, folgen Sie mir weiter und warten Sie auf meinen Durchbruch, damit Sie dann eines Tages sagen können: ICH kannte sie ja schon, da war sie noch nicht berühmt!“

Sehen Sie abschließend hier den Werbefilm „Eine Frau hat zwei Lebensfragen“ von Dr. Oetker, 1954:
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