Stichwort [Zensur] Warum es wichtig ist, dass Bibliotheken auch umstrittene Bücher haben

Öffentliche Bibliotheken leisten einen wichtigen Beitrag zur Demokratie. Genau deswegen sollten sie ein breites Meinungsspektrum repräsentieren, und um polarisierende Titel keinen Bogen machen. Das sieht man allerdings nicht überall so.


Verbrannte Wörter

Vor Kurzem schrieb die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Ingrid Brodnig auf Twitter über ein Buch, das sich den sprachlichen Wurzeln von heute noch geläufigen Redewendungen widmet. Das Buch ist aus dem DUDEN Verlag, und trägt den etwas plakativen Titel „Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie Nazis.“. Es geht darin also um Formulierungen, die wir im Bibliothekskontext als „belastet“ bezeichnen würden, von denen manche aber auch durch eine Bedeutungsverschiebung als rehabilitiert in den normalen Sprachgebrauch eingegangen sind. Sprache entwickelt sich, und das „Unsagbare“ einer Generation muss nicht für alle Kommenden noch gleich stark wirken. Gerade bei solchen Formulierungen lohnt sich aber ein Blick auf ihren Ursprung. Es ist mir selbst schon passiert, dass ich erstaunt über eine mir harmlose Redewendung künftig sensibler auf den Kontext achtete (Stichwort „durch den Rost fallen“ – viele junge Menschen kennen den Abgrund aus dem dies stammt nicht mehr).

Ich fand das Buch jedenfalls interessant und habe es für die Bibliothek bestellt, da sich auch JuristInnen viel mit sprachlichen Feinheiten beschäftigen. Der Buchtipp hatte indessen einen Nerv getroffen: Unter dem Buchhinweis von Frau Brodnig versammelten sich sogleich noch ein paar  mir unbekannte PosterInnen, die sich erregten „man kann aber auch alles zu Tode akademisieren“ und etwas von „Sprachpolizei“ und „Redefreiheit“ schrieben, was ihnen unbenommen sei.

Auf der anderen Seite dieser Skala finden sich in letzter Zeit zB AutorInnen, die Lesungen in Buchhandlungen absagen, weil dort vor Zeiten auch extremistische Schriftsteller geladen waren;  oder Leute die Journalisten vorschreiben, sie dürften nicht in kontroverse Talkrunden gehen, weil man der politischen Rechten den Diskurs verweigern und keine Bühne bieten dürfe. Von all dem und der Meinungs- und Lesefreiheit handelt dieser Essay.

The medium is the message

Die Grenzen, wo etwas noch (kritisierbare) Meinung ist, und wo Haltungen beginnen, denen aufgrund ihrer schieren Hetze und Menschenverachtung jeglicher Diskurs verweigert wird, sind bekanntlich nicht immer so leicht zu treffen. Tatsache ist aber, und das erstaunt auch unsere NutzerInnen immer wieder, dass wir als Bibliothek uns dieser Frage meist gar nicht stellen (müssen). Warum? In dem Moment, wo Jemand einen Titel lesen möchte, müssen wir uns mit dessen Anschaffung befassen, die (bis auf seltene Fälle) auch tatsächlich erfolgt. Wenn jemand also alle Bücher von Thilo Sarazzin lesen möchte, dann soll er die Möglichkeit dazu haben. Dies möglichst ohne sie sich selbst kaufen zu müssen; es ist nicht unsere Aufgabe die Motive unserer LeserInnen zu hinterfragen.

In unseren Regalen finden sich daher Werke von Karl Marx und Donald Trump genau so wie die Encykliken der Päpste, ebenso Birgit Kelles „Gender-Gaga! Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“. Auch haben wir Schriften des Staatswissenschaftlers Carl Schmitt, über den die Wikipedia Folgendes schreibt: „Schmitt wird heute wegen seines staatsrechtlichen Einsatzes für den Nationalsozialismus als Gegner der parlamentarischen Demokratie und des Liberalismus und als „Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt“, weithin abgelehnt. Allerdings wird er aufgrund seiner indirekten Wirkung auf das Staatsrecht und die Rechtswissenschaft der frühen Bundesrepublik mitunter auch als „Klassiker des politischen Denkens“ bezeichnet.“

In unserer Newslounge wiederum liegt das komplette Programm an Tageszeitungen aus dem In- und Ausland auf, obwohl wir in der Tat nicht jede derer Blattlinien teilen.

Der Mythos vom Wahren, Guten und Schönen 

Die meisten Leute denken, dass Bibliothekare an Schaltern sitzen, und all die Bücher selbst lesen, die sie zuvor geprüft, liebevoll ausgesucht und bestellt haben, und das ist ein Irrtum den man leider nicht oft genug entzaubern kann: Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass Bibliothekare beim Kauf eines Buches eine Art gläubiges Bekenntnis zu dessen Inhalt abliefern würden. Wir sind keine Fleischersgesellen, die einem besonders gut geratenen Bratenstück das Prädikat „besonders wertvoll“ umhängen oder es als „für die Öffentlichkeit bedenkenlos“ zum Lesen freigeben. Ganz im Gegenteil: Gesellschaften, in denen solche „Leseempfehlungen“ angewendet oder ausgesprochen wurden, waren in aller Regel keine besonders demokratischen. Bibliotheken, die ihren Bestand beginnen nach eigenen politischen oder religiösen Anschauungen auszurichten, geraten in ein gefährliches Fahrwasser. Unsere Gesellschaft ist divers, und eine Bibliothek die ihre Bestände durch einen Filter, sei es auch jener einer „political correctness“ gleiten lässt, wäre eben genau das nicht: eine Bibliothek. In einer Welt, in der gleichwer ob Linke, Rechte, Atheisten oder Fundamentalisten uns erklären, was gelesen werden darf, und was nicht, möchte ich jedenfalls nicht leben.
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Blattlinie

Aber anders als Buchhandlungen müssen wir auch nicht so klar Stellung beziehen, was gewissermaßen ein Privileg und eine Einschränkung zugleich ist. Buchhandlungen haben meist eine bestimmte Ausrichtung, und anders als Bibliotheken sind sie auch vielmehr vom wirtschaftlichen Gewinn abhängig, leisten mit dem Vorrätighalten eines Titels aber auch eine direkte finanzielle Unterstützung für die Kasse des Autors. Es ist die Entscheidung einer Buchhandlung, welche AutorInnen sie zu Lesungen einlädt oder in die Auslage legt, und die Entscheidung der Kundinnen, ob sie das unterstützen wollen.

Das ist bei Bibliotheken eben anders. Als Universitätsbibliothek werden wir auch von der öffentlichen Hand finanziert, und natürlich unterliegen wir in Hinblick auf unser Budget den Grundsätzen der Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit, des Bedarfs, etc. Es gibt Bibliotheken, die einen speziellen Schwerpunkt haben und diesen auch offen deklariert haben (was das Wichtigste ist), anarchistische Bibliotheken oder Zeitgeschichte-Bibliotheken etwa, linke Bibliotheken, und das alles hat auch seinen Platz.

Prekäre Titel

Nur in den seltensten Fällen wird das Forschungsinteresse eines Ankaufsvorschlags von der Bibliothek hinterfragt. Wir servicieren als öffentlich zugängliche Bibliothek die verschiedensten Publikumsströme, von den Schulen bis hin zu den Pensionisten. Solange die Versorgung unserer Kernzielgruppe (der Universitätsangehörigen) mit Fachinformation gewährleistet ist, ist es uns gleichgültig ob jemand eine wissenschaftliche Arbeit, einen journalistischen Artikel schreibt oder in seinem Ruhestand neue private Interessensgebiete erschließt: „Das interessiert mich!“ reicht bei uns, und das ist auch gut so. Das „warum“ hat uns schlicht nicht zu interessieren.

Dass manche Titel in speziellen Magazinen dem direkten Zugriff etwas entzogen werden, hat indessen reichlich pragmatische Gründe. Manchmal sind es schlicht besonders teure Werke, die so vor Diebstahl gesichert werden. Für äußerliche Kennzeichen im Buchdruck des NS-Regimes wie Reichsadler oder Hakenkreuz-Stempel gibt es einen Schwarzmarkt-Handel auf Börsen im Internet, weswegen aus Büchern dieser Zeit schon zuweilen solche Insignien herausgeschnitten und verscherbelt wurden. Auch dies kann ein Grund sein, solches Buchgut eher besser zu verwahren, ohne es völlig dem Zugriff der Forschung zu entziehen. Einen „Giftschrank“, wie man das früher nannte, in dem Bibliotheken besonders abartige Titel auf immer wegsperren, haben aber in Wahrheit die wenigsten Universitäten.

Dass wir auch umstrittene Titel haben, bedeutet jedenfalls nicht, dass wir deren Meinung inhaltlich teilen. Wir würden aber jederzeit alles dafür tun, dass Sie sie lesen können. Und genau das macht uns zur Bibliothek.

„Ich missbillige was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“, so könnte man schließen.
Der deutsche Bibliothekenverband hat übrigens gerade zum Geburtstag des Grundgesetzes eine Aussendung zum Thema Bibliotheken und Demokratie entworfen.