Beethovens Unvollendete (Erg.Lfg.42) – Über den Charakter der Loseblattsammlung und andere biblische Plagen

 

loseplage
„Siehe, ich sende sie wie Schafe unter euch.“ Die wenig bekannte biblische Plage 10a: Publikation von Loseblattsammlungen

Am sechsten Tag schuf Gott mehrere Großkommentare, Zeitschriften und einheitliche Zitierregeln für den Hochschulraum. Am siebten Tag ruhte Gott, denn sie war sehr müde. Aber da die Bibliothekare und Juristen vom Baum der Erkenntnis(se) genascht hatten, zürnte Gott ihnen, und wollte sie bestrafen. Da die Heuschrecken, Frösche und Sintfluten gerade aus waren, musste Gott sich etwas anderes einfallen lassen.

Am achten Tag schuf Gott die Loseblattsammlungen.

Im Anfang war das Wort

Dieser Tage gab es auf Twitter einen heiteren Diskurs über den Ursprung der Loseblattsammlung, der speziell von einigen Verfassungsrechtlern befeuert wurde und schließlich sogar in Literaturzitaten über die Loseblattsammlung eskalierte.
Philosophiert wurde über die ersten Loseblattsammlungen und das psychologische Profil ihrer Erschaffer, Bezüge zu Rechtsgebieten wurden angeführt, und die Frage bedient, ob der leicht zwänglerische Charakter dieser Publikationsform eher der Schweiz oder den fleissigen Vorarlbergern zuzuschreiben sei.

Studierende wissen trotz regelmäßigen leidvollen Kontakts leider kaum mehr etwas mit dem Begriff anzufangen, deswegen sollte das Spiel „Loseblattsammlung“ kurz erklärt werden: Loseblattsammlungen sind Mappen, in die nach einem regelmäßigen und undurschaubaren Rhythmus Blätterkonvolute in Form von Ergänzungslieferungen eingelegt werden, um das Werk aktuell zu halten.

Ursprünglich war das eine durchaus verbreitete Mediensorte, die das großangelegte Neudrucken ganzer Werke bei nur geringfügigen Änderungen ersparen sollte. Warum sich das ausgerechnet in den Rechtswissenschaften solange gehalten hat, ist eigentlich nicht nachvollziehbar. Wir unterstellen hier einmal pure Boshaftigkeit der Verlage und Herausgeber.

Ein neues Spiel, ein neues Glück – da ist für alle was dabei!

„Loseblattsammlung“ spielt man jetzt so: Alle paar Wochen oder Monate, je nach aktueller Rechtsprechung, Lust und Laune der Verlage und dem Stand des Mondes und der Gestirne trifft ein neuer Packen Blätter ein, der in die Loseblattsammlung einzulegen ist. Dies hat an genau vorgeschriebenen Stellen zu erfolgen, die in einer Art Gebrauchsanweisung im IKEA Stil aufgeführt sind: Entnehmen Sie also nun Blatt 2b und ergänzen Sie an der Stelle die Teile 38a und 95b. Hier fängt das Drama schon an sich erheblich zuzuspitzen, denn Blatt 2b ist natürlich schon lange nicht mehr vorhanden, und muss insoferne auch nicht entnommen werden, und die Teile 38a und 95b sind in der Ergänzungslieferung nicht zu finden, falls sie denn überhaupt jemals existiert haben.  Die feierliche Einlegung der neuen Ergänzungslieferung muss protokolarisch in dem nur in seltenen Glücksfällen vorhandenen „Standblatt“ am Anfang eines jeden Ordners eingetragen werden, damit nachfolgende Generationen wissen, was hier alles NICHT, VIELLEICHT oder auch TEILWEISE ergänzt wurde. Fertig ist man jedenfalls dann, wenn selbst für absolute Kenner der Materie nicht mehr zu begreifen ist, was das Werk nun eigentlich enthält. Irgendwann ist die Mappe schlicht nicht mehr pflegbar und das System ist irreparabel beschädigt, man sagt „Die Loseblattsammlung ist korrupt geworden!“.

Nun beginnt eine Art kalter Krieg zwischen Buchhändler und Bibliothek, bei dem meist von vornherein klar ist, wer gewinnen wird. Der Verlag sendet neue Ergänzungslieferungen aus, die Bibliothek ignoriert diese, da sie in dem aktuellen Werk ohnehin nicht mehr eingeordnet werden können. Aus Anstandsgründen und Trotz wartet man noch ein paar Monate zu, bis irgendjemand (meist die Bibliothek) bei dem Spiel die Nerven verliert, und ein neues Grundwerk bestellt wird (das man gerne zahlt, um wieder einige Nächte ruhig schlafen zu können). Zu diesem Zeitpunkt sind alle Betroffenen psychisch so zerrüttet, dass sie auch einen Lottogewinn ausgeben würden, um endlich Ruhe zu haben. Bis das Spiel von vorne losgeht.


Wenig erstaunlicherweise finden sich die Ursprünge dieser Foltermethode in jenem Rechtsgebiet wo alles Unheil der Menschheit verborgen liegt, im Steuerrecht. Man muss auch nicht erst extra erwähnen, dass dieses System für den Gebrauch im Publikumsverkehr an Bibliotheken denkbar ungeeignet ist..

Fällt der Ordner nämlich zu Boden (hoffentlich nur im geschlossenem Zustand), so verbiegt sich, zumindest bei „schwerwiegenden“ Loseblattsammlungen die Mechanik oft irreparabel, lässt sich also zB nicht mehr richtig schließen. Das merkt aber ohnehin erst der nächste Benutzer oder die nächste Benutzerin, wenn er oder sie das Werk hastig aus dem Regal zieht, den physikalischen Überblick über das halb offenstehende Loseblattwerk verliert, und nach kurzem, kaum hörbaren Fluchen (…) ein paar Seiten unterschiedlicher Gesetze vom Boden aufkratzt, und nun wirklich nicht auch noch die Zeit – und natürlich auch null Bock hat das Geblatt in der Hand so zu sortieren, wie es dem Herausgeber des Werkes gefiele. Von wegen! Für so etwas gibt es Bibliothekspersonal.
Martin Vonplon, Lose-Blattsammlungen. In: Recht, Bibliothek, Dokumentation, 25 (1995), H. 3, S. 135-141

Der Spaß bei Loseblattsammlungen muss in ihrem Glücksspielcharakter erkannt werden, man hat hier wie im Zivilrecht ein aleatorisches Moment. Nie kann man genau wissen, was darin ist, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen!

Die Pathologie der Loseblattsammlung

Die Bibliothek Recht hostet aktuelle viele Hunderte von Loseblattsammlungen, und in einem Hinterzimmer lagern stets Stapel von Ergänzungslieferungen. Wir haben ein eigenes Fach auf dem „Problemfälle“ steht, und dieses ist immer gut gefüllt.

Unglücklicherweise kommen in Österreich die beiden großen Kommentare zum Bundesverfassungsrecht ausschließlich in Loseblattform auf den Markt, was einen gewissermaßen betroffen macht:

Regelmäßig kommen Studierende an den Schalter, die im BVG eine Kommentierung vermissen, und man hat dann oft seine liebe Not herauszufinden, ob das der Wahrheit entspricht, oder der betreffende Artikel einfach noch nicht kommentiert wurde. Hier gilt vorderhand, wie in jedem pathologischen Fall der gute alte Schaltersatz: Nehmen Sie den Patienten ernst. Aber lassen Sie sich nicht auf Diskussionen über den Wahrheitsgehalt seiner Aussage ein. 

Die Liechtensteiner haben aus diesem Grund ein segensreiches Werk getan, und ihren Verfassungsrecht Kommentar in einer Art Open Access Variante ins Netz gestellt.

Loseblattsammlungen sind oft nur die Einstiegsdroge zu härteren Suchtmitteln – Fangen Sie gar nicht erst an!

Natürlich tut die Bibliothek ihr Möglichstes, um Loseblattsammlungen möglichst fern zu halten: Verlagskataloge werden mit einem dicken Durchgestrichen und „Ankauf verweigert aufgrund Loseblattforms!“ in Umlauf gebracht, mit einem kecken „online verfügbar“ und Häkchen versehen, oder überhaupt gleich eingezogen und makuliert. Als Bibliothek fühlen wir uns durchaus verpflichtet unsere Forscher vor diesen gefährlichen Suchtmitteln zu schützen. Leider hat das wissenschaftliche Personal hier auch ein Wörtchen mitzureden, und was das Herz der Wissenschaft begehrt, wer wären wir es zu verwehren? Das Ganze ist schon schlimm genug, wenn es sich in der Bibliothek abspielt. Manche Lehrstühle horten aber in Ihren Handapparaten zusätzliche, besonders geliebte Haus- und Hof-Loseblattsammlungen. Nun würde man glauben, dass diese Werke dort einigermaßen geschützt und besser pflegbar wären. Leider passiert es aber auch in Handapparaten, dass Loseblattsammlungen verwildern, und zur Aufzucht und Pflege in die Bibliothek retourniert werden, meist vor den Sommerferien.

Einzig nach langem Kampf eingestellt werden durfte der vielleicht schlimmste Fall einer Loseblattsammlung, das Niederösterreichische Landesrecht. Diese Mappen kommen mit eigenen ARCHIVMAPPEN, in die das entnommene Material jeweils ein- und umzulegen ist, weshalb ein Bibliothekar aus dem Haus sie völlig zu Recht als „EXTREMLoseblattsammlung“ bezeichnet hat. Angesichts dieses Blätterhaufens können auch wir nur mit Musils Mann ohne Eigenschaften sagen:
Hier stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht!

Vor langer Zeit habe ich eine Streitschrift wider die Loseblattsammlung begonnen. Da als Fortsetzung gedacht, hat sie das Schicksal vieler Loseblätter ereilt, sie musste vorerst unvollendet bleiben..Lesen Sie an dieser Stelle stattdessen die Einlageblätter 8a bis z.

Einlageblätter 8a bis z

Streitschrift wider die Loseblattsammlung

EU verbietet Loseblattsammlungen – Beschluss zum 1. April

Verwahrloste Loseblattsammlungen an Raststätten ausgesetzt

Heimatlose Blätter suchen ein Zuhause

 

 

 

Dreharbeiten!

dreharbeiten

Bibliotheken sind beliebte Drehorte, und Forscher aller Disziplinen werden immer noch gerne vor gefüllten Bücherregalen inszeniert. Die Bibliothek strahlt in digitalen Zeiten  einen gewissen Nimbus aus, der besonders für Fotografen eine unwiderstehliche Anziehungskraft hat: Wie Motten ans Licht streben sie in die Bibliothek, altehrwürdige Paläste des Wissens sollen dem geneigten Zuseher vermitteln, dass es hier um seriöse Wissenschaft geht! Die Bibliothekarinnen indessen kichern hinter den Kulissen, versuchen, besorgt um die Persönlichkeitsrechte ihrer Nutzer, Studierende da und dort rechtzeitig aus dem Bild zu schieben, und ringen verzweifelt die Hände über die verlangten respräsentativen Bestände, die oft schlicht nicht zu besorgen sind..

Showaufstellung

Im Leben jeder Bibliothekarin gibt es so ein, zwei schräge Nutzeranfragen, die so seltsam daherkommen, dass man sie nie wieder vergisst. Auch ich hatte einen solchen Schlüsselmoment, einige davon um genau zu sein. Das besagte Erlebnis erklärt aber so Einiges über die Welt des Analogen und des Digitalen, weswegen ich hier kurz davon erzählen muss:

Eines schönen Tages wurde ich zur Mittagszeit mehr oder weniger campusweit ausgerufen. Ich sollte sofort zum Schalter kommen, es sei dringend, ein bibliothekarischer Notfall, quasi. Ich packte sofort meine schweinslederne Bibliothekarstasche, schaltete das Blaulicht an und eilte zum Unfallort.
Vor Ort traf ich eine recht aufgelöste Sekretariatsfachkraft (ob männlich oder weiblich spielt hier wirklich keine Rolle), und nach einigem beruhigenden Einwirken hatte sich die arme Seele soweit gefasst, dass sie ihr Anliegen konkretisieren konnte. Sie holte tief Luft und stieß ein einziges Wort hervor: „Geschäftsberichte!“

Nun gut, wir sind eine Wirtschaftsuni, das Anliegen alleine fand ich also noch nicht so ungewöhnlich. Überraschend fiel aber die Antwort auf unser bemühtes Nachfragen aus, um welchen Geschäftsbericht es sich denn handele, der da so dringend gesucht wurde? Die Antwort lautete: „Das ist ganz egal, es müssen nur Geschäftsberichte sein!“

„Naja“, wollte ich gerade ansetzen, „wir haben da ein paar Business Datenbanken..“ und wurde sofort unterbrochen: „Nein, sie müssen gedruckt sein! Und es sollte außen groß drauf stehen: Geschäftsbericht!“

Dieser Satz führte uns letztlich auf die richtige Spur, und der Rest ist schnell erzählt: Eine Wissenschaftlerin des Hauses hatte über Jahresabschlüsse großer Wirtschaftsunternehmen geforscht und dazu veröffentlicht. Nun hatte diese Forscherin dazu zweifellos in Onlinequellen recherchiert. Nicht ohne Grund geben wir jährlich Unsummen für genau diese Art von Wirtschaftsdaten aus, und die Volltextanalyse in Datenbanken ist dem menschlichen Auge an Geschwindigkeit doch weit überlegen. Der Fotograf, der für das Verlagsfoto angerückt war, wollte die Autorin allerdings umgeben von leicht verständlichen Symbolen ihrer Tätigkeit ablichten, sie sollte gedankenverloren in einem Geschäftsbericht blättern und stirnrunzelnd Unternehmensbilanzen wälzen, und wenn schon nicht das, dann sollten sich doch zumindest auf ihrem Schreibtisch die papiernen Zeugen ihrer Tätigkeit türmen!

Im Endeffekt konnte (wie so oft) geholfen werden: Wir fanden im Magazin ein paar ältere Geschäftsberichte von Post und Bahn, die zumindest für ein überzeugendes Arrangement völlig ausreichend schienen..

„Verhalten Sie sich ganz natürlich!“ – Wissenswelten im Bild

Auch in unserer Bibliothek wird oft fotografiert und gefilmt. Forscher und Forscherinnen aus dem Haus wollen für ein aktuelles Foto einen attraktiven Hintergrund, oder sollen im Fernsehen kurz über ein neues OGH Urteil sprechen, den Arbeitsmarkt analysieren oder eine politische Debatte kommentieren.

Das ist übrigens auch der Grund, warum man mit mir nicht ZIB2 schauen kann: Es ist ein bisschen wie mit den Köchen, die nicht auswärts essen gehen. In Nachrichtensendungen gibt es immer Experten, und diese Experten werden in der Regel vor einem Bücherregal interviewt. Woher, liebe Leute, soll der kundige Bürger denn auch sonst erkennen, dass es sich wirklich um einen Experten handelt? Das Bücherregal muss auch nicht zwangsläufig das eigene sein, im Notfall stellt man die Leute in das Büro eines Kollegen, oder einfach in irgendeine Bibliothek.

Ebooks sind nicht sexy

Wir Bibliothekare lassen solche Eingriffe in unseren geschützten Bücherwald normalerweise gnädig zu, auch wenn wir dabei oft mit den Zähnen knirschen: Der Fotograf  hat natürlich NICHT um Genehmigung angesucht, er versteht sich als echter KÜNSTLER,  die kleingeistige Beschränkung einer Betriebsordnung ficht ihn nicht an. Stattdessen steht er mit einer lauten und sonnenbrillentragenden Entourage von Equipment-Trägern plötzlich mitten in der Bibliothek, und arbeitet auch keineswegs „nur ganz kurz und geräuschlos“. Wegen des dringend benötigten Tageslichts kann auf den ungestörten Bibliotheksbetrieb natürlich keine Rücksicht genommen werden, und so haben auch die erstaunten Nutzer etwas vom Blitzlichtgewitter.

Schon oft haben wir gerätselt, ob wir für solche Zwecke einen eigenen Attrappen-Bestand anlegen sollten, der nur zu Fotozwecken in einer gut geschützten Ecke parkt.

Juristen sieht man normalerweise in ihrem natürlichen Habitat, dem Handapparat, den sie, gottlob, auch tatsächlich haben. Nachrichten schauen heißt für mich in diesem Sinne immer: Bücherregal schauen! Wenn die verstörenden Bilder dann über den abendlichen Bildschirm flimmern, hält mich nichts mehr auf meinem Sessel, ich bin schlimmer als der schlimmste Fußballkommentator: „Meine Güte, haben die eine Unordnung im Regal!“, rufe ich zuweilen empört in das Interview hinein, dann wieder bemerke ich anerkennend „Oh, ein kompletter Staudinger!“ Manchmal murmele ich auch nur Unverständliches: „Die 3. Auflage, soso.. ah vergriffen..“, oder stelle verwundert fest: „Die ham das GEBUNDEN?!“. Und es mag auch schon vorgekommen sein, dass ich nachts aus dem Schlaf hochfuhr und erinnernd tobte: „Der hat noch ein Lesesaalexemplar von uns!“.

Die juristische Bibliothek ist an modernen Unis der Ort, wo man zuverlässig noch „echte Bücher“ vorzufinden erhofft, weshalb wir auch oft in den Genuss von Touristengruppen und Gästeführungen gelangen. Die Leute lassen sich zunächst im sogenannten Library and Learning Center den kalten Sog moderner Architektur zur Genüge um die Nase wehen, und kommen dann zu uns, um sich am heimeligen Anblick der guten alten Bücherbibliothek zu wärmen. Bei uns erwarten sie sich Eichenholz und vertäfelte Regale, und nehmen die bunte Kinderschwimmbad-Optik, die uns umgibt, sichtlich enttäuscht zur Kenntnis.
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„Lassen Sie mich durch, in bin Bibliothekar!“

Auch bibliothekarische Fotoprojekte haben uns bereits in Szene gesetzt, typische Arbeitsszenen aus dem Alltag der Bibliothek sollten dabei gezeigt werden. Auf den besser geratenen Aufnahmen davon sehe ich aus wie einer Arztserie entsprungen, und auch wenn wir nicht am offenen Herzen operieren, so schmeichelt uns diese Vorstellung doch ein wenig.

Am Ende wollte die Fotografin, dass ich auf eine Leiter steige, um ein Buch aus dem Regal zu nehmen. Sie hatte bei aller Pragmatik auf das Vorhandensein einer guten alten Holzleiter gehofft, um dem kühlen Eindruck der Metallregale ein wenig altertümlichen Charme entgegenzuhalten.

Enttäuschend genug: Wir haben gar keine Leiter.

Fotos: Iryna Yeroshko

 

Das Internet der Dinge

Mit zum Schönsten am Beruf der Bibliothekarin gehört die Tatsache, dass man in einer Welt, die immer digitaler wird regelmäßig in die vertraute alte Zettelwirtschaft  zurückwechseln darf.

Die brennende Frage, die den Nutzer und die Nutzerin (und in Folge auch die Bibliothekare) umtreibt lautet ja in den meisten Fällen „Wo ist das Buch?“. Früher kamen die Leute noch mit kleinen Zettelchen an den Schalter. Auf dem Zettelchen, das damals noch nicht post-it hieß, sah man eine Signatur, einen Einkaufszettel oder irgendetwas, das aussah wie eine EKG-Linie. Heute halten Nutzer uns in aller Regel ihre Smartphones unter die Nase, oder manchmal auch gleich den ganzen Laptop, sie fragen „Wo ist das?“ und deuten dabei auf den Bildschirm. An dieser Stelle wundere ich mich dann immer, wie zerkratzt ein Handybildschirm eigentlich sein kann, von dem man noch lesen können möchte, und höre regelmäßig: „Ich warte noch bis das neue Modell rauskommt, dann kaufe ich mir ein Neues..“

Ein neues Modell – Ordnung ist das halbe Leben

Die Bibliothek pflegt indessen unverdrossen ein System aus Stempeln, Etiketten, Laufzetteln und Lieferscheinen, das historisch gewachsen ist und technisch durchaus seine Berechtigung hat. Nichts ist sicherer als ein physischer Beweis, den man auch angreifen kann und  „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“ (Faust). Ein weiterer Vorteil von analoger Verwaltung ist ihre Eigenschaft, dass man sie so schwer hacken kann.

Wie sehr das Analoge und das Digitale ineinandergreifen, bemerkt man aber spätestens dann, wenn man papierne Arbeitshilfen zu Dokumentations- oder Überprüfungszwecken „noch eben mal kurz abfotografiert“. Es passiert nicht selten, dass ich mit meinem Handy Fotos von Signaturen, Rechnungen oder irgendwelchen Verlagsprospekten mache, um dann am Computer nochmal zu schauen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Manche Leute fotografieren auch die Einträge aus ihrem papiernen Stehkalender regelmäßig ab, sprechen aber nicht darüber. Die Lehrenden an Schulen und Unis machen übrigens etwas Ähnliches: Sie schreiben mit bunten Stiften auf ein Whiteboard (eine Art moderne Form der Tafel), und fotografieren das Ganze dann ab um es als grafisches Protokoll hochzuladen und für die Studierenden zur Verfügung zu stellen. Ziemlich Meta.

Hier in der Bibliothek erwerben und verwalten wir jedenfalls viele tausend Bücher und Medien, die alle in die richtige Schiene geführt werden müssen. Dabei geht es manchmal zu wie am Flughafen: Wenn irgendwo auf der Datenautobahn ein Unfall passiert, ist das eBook plötzlich gesperrt, und wenn ein Buch mit falschem Vermerk an einem Institut einlangt und die das dort nicht merken, dann verschwindet so eine ganze Ladung Bücher auch gerne mal ganz unbemerkt im System. Aus diesem Grund werden Laufzettel eingelegt, die mit dem Buch mitlaufen und nach einem ausgeklügelten Farb- und Namenscode bis zum Eintreffen am Zielstandort eingelegt bleiben. Man mag das altmodisch nennen, aber es funktioniert.

Die preußischen Instruktionen

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Wenn man auf einer Party so richtig auftrumpfen will, erzählt man einfach von den Preußischen Instruktionen: Die Preußischen Instruktionen waren ein Bibliographier-System, das sich an der Informationshierarchie alter Karteikarten orientierte, im Grunde also eine Art Datenbanksprache. Es ist ein veraltetes Regelwerk, und mutet furchterregend umständlich an. Die Hauptregel, die jeder Bibliothekarsschüler im Lehrgang zumindest noch einmal erzählt bekommt: Als erstes Ordnungswort wird das erste von keinem anderen Wort grammatisch abhängige Substantiv genommen, das Substantivum regens.

zB: Des Meeres und der Liebe Wellen wäre dann zB einzuordnen unter Wellen, und so weiter.

Im Grunde machen Juristen ja etwas ganz Ähnliches: Sie subsumieren Sachverhalte unter Regeln, sie sagen: Aja, das gehört hier dazu.

Zettelkästen

Im Prinzip beschrieben die Preußischen Instruktionen nur eine Gebrauchsanweisung für ein alphabetisches Sortiersystem, mit dem man Zettelkästen bespielen konnte, so ähnlich wie heute Algorithmen und Programmiersprachen beschreiben, wie Informationen im Internet dargestellt, gefiltert und verarbeitet werden können.
Zettelkästen waren damals eine verbreitete Katalogform, auch wir haben noch ein paar von diesen Ungetümen im Fundus. Man munkelt sogar, dass eine Bibliothekarin vor dem Umzug ein paar alte Institutszettelkästen in ihren Privathaushalt überführt hat, um Wolle, Postkarten und ähnliche Kleinodien darin zu verwahren, doch das müssen wilde Gerüchte sein.

Analoge Entlehnsysteme – Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn ich, erwürgen

Auch zum Entlehnen von Büchern gab es ein System, das auf Papier läuft: Wer ein Buch aus dem Regal entnahm, trug (bei vorhandenem Anstand und Ehrgefühl) den Titel und seinen Namen auf eine sogenannte Entlehnkarte ein. In Österreich sagen wir auch Buchreiter zu diesen Kartonscheibletten, während Deutschland den viel liebevolleren Begriff  „Buchstellvertreter“  dafür geprägt hat. Man muss nicht an einer Uni arbeiten, um zu erkennen, dass dieses System von einer gewissen Moral abhängt, und daher fehleranfällig ist. Jedenfalls aber kann man an einem solchen Buchstellvertreter zumindest eine gewisse Zeitlang noch die Entlehnhistorie nachvollziehen, erstaunt lesen dass Prof. X zuletzt 1994 mit dem besagten Kommentar gearbeitet hat, und zu dem Schluss kommen, dass Prof. X mittlerweile seit über 10 Jahren emeritiert ist. Das traurige an Buchstellvertretern ist zwar, dass früher oder später nur noch der Stellvertreter da ist, aber niemals das Buch. Doch wenigstens hat man dann noch den Karton, um sich zu trösten, während elektronische Daten meistens einfach weg sind. Zumindest gibt einem dieses System ein Gefühl des Funktionierens und ein gewissens Vertrauen in die Weltordnung, bevor sich die Spur eines Buches im Dunkeln verliert..

Der Buchstellvertreter und die DSGVO

Solange Daten in lokalen Papiersystemen physisch vor Ort verzeichnet waren, hatte niemand schlaflose Nächte wegen ihrer Abrufbarkeit. Das stellt sich mit der in Kraft getretenen DSGVO und dem erhöhten Bewusstsein für Datenschutz in digitalen Welten freilich anders dar. Ob man auf einem Server oder in einer Cloud Dutzende von verknüpften Nutzer- und Entlehndaten hosten und bearbeiten darf, und unter welchen Bedingungen, ist zB Gegenstand zahlreicher juristischer Diskussionen, die im Moment nicht nur die Unis beschäftigen. Auch die Frage, ob auf Mitarbeiter entlehnte Bücher in einem weltweit abrufbaren Webkatalog mit Name gelistet werden dürfen, steht dabei immer wieder im Raum, und sie wird durchaus unterschiedlich beantwortet.

Am anderen Ende der Leitung

Um zum Handy am Anfang zurückzukommen: Eine Freundin von mir schrieb einst eine Arbeit über die Anfänge des Telefons („Das Pferd frisst keinen Gurkensalat!“, Sie wissen schon). Darin wurde auch verhandelt, dass die ersten Benutzer des Telefons noch keine Erfahrung mit dem Fernsprechen hatten, sie mussten erst eine Kultur der Unterhaltung mit diesem Apparat entwickeln. Da man aufgrund der Übertragungsschwäche oft keinen guten Ton hatte, konnte man nie so sicher sein, wann und ob das Gegenüber das Telefongespräch beenden wollte. Daher kam man überein, dass als Signal des Gesprächsendes laut das Wort „Schluss! in den Hörer zu rufen sei.

In der Nationalbibliothek wiederum wurde vor nicht allzulanger Zeit noch vom Saaldienst durchgegangen und „Leseschluss!“ gerufen, um die Nutzer abends zum Gehen aufzufordern. Seit neuestem wird angeblich nur noch ein Lied abgespielt, was natürlich nicht halb so cool ist..

Ich werde an dieser Stelle nun auch mit gutem Beispiel vorangehen (ins Wochenende), ich rufe ein herzliches Schluss! in die Runde, und begrüße Sie nächste Woche wieder an dieser Stelle, wenn es heißt:

Das ANALOGE und das DIGITALE
–SCHLUSS!–

 

 

 

 

Cyberspace Odyssee

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Die Wenigsten wissen, dass Odysseus zwischen dem Kampf gegen Skylla und Charybdis auch 3 langwierige Updates auf seinem Iphone installieren musste, während ihm garstige Netzbetreiber die neueste Billigtarife in die Ohren brüllten. Sie versuchten ihn mit schnellem Glasfaser-Internet und Flatrates in den Abgrund zu locken, mussten aber letztlich unterliegen. Prüfung 11b: Installieren von Updates auf Endgeräten

Das Analoge und das Digitale

Das Haus das Verrückte macht

Es gibt einen Asterixfilm, der weithin bekannt ist für eine Szene, die offensichtlich in einer Art Irrenanstalt spielt. Der berühmte Passierschein A38, der immer gerne zitiert wird, sobald es um bizarre verwaltungstechnische Hürden geht, er ist fächerüberbreifend zum Inbegriff einer undurchdringlichen Bürokratie geworden, den man in allen Ländern versteht, ganz gleich ob es sich dabei um Poltik und Justiz oder die Verwaltung von Parkplätzen handelt. Bezeichnenderweise heißt die besagte Szene auch „Das Haus, das Verrückte macht“, was beinhaltet, dass die Bewohner des Hauses irgendwann einmal normal gewesen sein müssen.

Die meisten Menschen die irgendwann einmal mit Verwaltung zu tun hatten, sind sofort in der Lage einen Bezug herzustellen, wenn der „Passierschein A38“ erwähnt wird, sie können oft sogar weite Teile des Filmes aus dem Kopf rezitieren, „Passierschein A 38, ja wie er im neuen Rundschreiben B65 festgelegt wurde! Was? Ein neues Rundschreiben B65?..Jaja, eine Formalität, verwaltungstechnischer Art..Hier sind Sie falsch..Da müssen Sie zur Hafenkommandatur. Ein Hafen ist immer da wo Wasser ist..“ und so weiter.

Was indessen niemand berücksichtigt, ist eine Tatsache die für unsereins auf der Hand liegt: Es muss und kann sich bei diesem „Haus das Verrückte macht“ schlichterdings nur um eine Bibliothek handeln. Die Bibliothekare haben im Laufe der Geschichte jene subtile Form von Papierkommunikation auf eine perfide Spitze getrieben, sie sind die wahren Könige dieser Disziplin geworden, selbst wenn sie heutzutage mit einer gewissen Nonchalance ins Digitale wechseln.

Die Bibliothek als Heterotopie

Dem Bibliothekar ist alles eine Bibliothek. Wenn ich zB mit meinem Mann in einer Tankstelle stehe, und die Kaugummis und das Schleckeis dort unordentlich in den Tiefkühlregalen herumkugeln, dann sage ich zu ihm „Das ist eine schlechte Bibliothek“. Gehen wir dagegen an einem botanischen Garten vorbei, in dem die Büsche und Pflänzchen tüchtig sprießen und Gärtner gerade die Weiden stutzen, sage ich „Das ist eine gute Bibliothek“, und ich meine damit „Hier herrschen geregelte Abläufe und eine nachvollziehbare Ordnung“.

Die Bibliothek steht somit für alle Systeme, in denen Dinge nach irgendeiner Art von Strukturprinzip geordnet verwaltet werden: Schulen verwalten Schüler, Parkplätze verwalten Autos, das Oktoberfest verwaltet betrunkene Menschen. Wenn man Heterotopien im Foucault’schen Sinne als  Bedeutungsräume begreift, in denen gewisse kulturelle oder soziale Regeln gelten, und somit eine geistig vorausgesetzte Ordnung gilt, so ist die Bibliothek sicher eine gute Heterotopie, wenn nicht DIE Heterotopie. Nicht zuletzt heißt dieser Blog daher auch „Die tiefere Ordnung der Dinge“. Und Gesetze gelten hier gleich im mehrfachen Sinn, denn wir sind eine juristische Bibliothek.

Es gibt ein Strukturprinzip das alle diesen Dingen innewohnt, und auch diesen Blog von Anfang an bestimmt hat, und es lautet: Das Analoge und das Digitale. Daher sollte ihm schon aus Ordnungsgründen eine eigene Reihe gewidmet werden.

Juristen halten sich nicht an Regeln

Auch Juristen sprechen übrigens gerne von Analogien, meinen damit aber etwas Entfernteres. Im Juridicum kannte ich noch einen Professor, der selbstbewusst überall im Hause Pfeife rauchte, und sich dabei stets auf folgenden Satz berief: „Im Strafrecht gilt das Analogieverbot!“. Die Verbotstafel zeigt ja in der Tat eine durchgestrichene Zigarette, und jenes eine wie „ein Gleiches“ zu bestrafen, diesen Gedanken hat man im Strafrecht nunmal nicht als statthaft erachtet.

Auch wer in juristischen Bibliotheken arbeitet, macht übrigens diese frustrierende Erfahrung: Gerade jene, die Gesetz und Recht treu beforschen, haben in ihrem eigenen Alltag wenig Freude an Regeltreue, oder anders gesagt: Die Juristen schaffen gerne Regelungen, aber sie halten sich nicht ebenso gerne an welche, schon gar nicht an Bibliotheksordnungen. Nirgends auf der Welt werden so viele Bücher von Studierenden gestohlen, wie in juristischen Bibliotheken, nirgends sonst werden der Anstand, der Datenschutz und die Entlehndauer so heftig strapaziert wie hier, wenn der eigene Forschungsbedarf es gebietet.
Und da man letztlich in jedem Beruf immer auch ein bisschen Pädagoge ist: Wer könnte, wer wollte da zürnen..

 

Das Analoge und das Digitale

Das Internet der Dinge

Der Zauber des Analogen

Buchstellvertreter: Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn ich, erwürgen

Das digitale Gedächtnis

Eine Bibliothek ist wie ein gut gestimmtes Orchester

Ebooks sind nicht sexy: Warum man mit mir nicht Zib2 schauen kann und andere bibliothekarische Notfälle

Die Bücher sind entlaufen : Die verwirrende Sprache der Nutzer

Der Herr Eldie