Das Schweigen am Ende der Leitung

skype.3
Das Yoghurtbecher-Telefon, ein krisensicherer Klassiker unter den Kommunikationsmitteln

Nun ist sie also vielleicht bald überstanden, die unmittelbare Krise, oder zumindest scheint das Schlimmste für den Moment abgewendet. In den letzten Wochen haben wir viel gelernt, über uns, und die anderen, über das menschliche Miteinander, das Abstandhalten und die zahlreichen Irrwege der fernmündlichen Kommunikation.

Videotelefonie: Einer hat immer den Ton aus

skype„Sprich, damit ich dich sehe“ soll Sokrates gesagt haben, und er kann sich damit zweifellos nur auf jene Art der Videotelefonie bezogen haben, die in den letzten Monaten in vielen Büros schnell als Mittel der Wahl für den Austausch mit Kollegen etabliert wurde.

Ein Programm mit dem Namen Z.. (ich will hier keine Werbung dafür machen) galt als datenschutztechnisch verschrieen, und hält doch die unumstrittene Führung in Sachen Bildtelefonie, jedenfalls sobald es um größere Gruppen im beruflichen Kontext geht.

skype.2Grenzerfahrungen

Auch im Fernsehen wurde es üblich, dass Experten und PoltikerInnen sich aus ihren eigenen vier Wänden in die Nachrichtenformate hinein interviewen ließen. Niemals werde ich Lou Lorenz-Dittelbacher vergessen, wie sie mit den goldenen Worten den Sonntag Spätabend eröffnet: „Ich begrüße Sie herzlich zu einem Runden Tisch, an dem ich, wie Sie sehen, wieder ganz alleine sitze.“ Niemals haben wir auch so viele Bücherregale im Fernsehen gesehen (lesen Sie dazu auch warum man mit mir nicht ZIB2 schauen kann), denn das private Bücherregal etablierte sich rasch als allgemein akzeptierte Bühne für Einschätzungen zur Sachlage, politische Statements und Expertenmeinungen. Gewiss kennen auch Sie diese Dinge, die man sich ins Bücherregal stellt, die eigentlich nur der Dekoration dienen und bildungsbürgerlichen Flair versprühen sollen, für wenn Besuch kommt. So konnte auch der coronagemäß isolierte Normalverbraucher sich ein wenig verstanden fühlen, wenn allabendlich die bildschirmerhellten Köpfe von Virologen und Kulturschaffenden zwischen Haruki Murakami, Tolstoi und Brockhaus hervorlugten, um zur aktuellen Lage zu referieren.

Auch Grenzerfahrungen anderer Natur gab es: In Videoschaltungen wurden aufrichtige  Einblicke in die Haushalte von Kollegen und Kolleginnen inklusive Hund und Kind gewährt, und manch eine/r stellte erstaunt fest, wie viel seiner Tätigkeit im Homeoffice problemlos erledigt werden kann.

Diese Videokonferenzen sind gewiss etwas fehleranfällig, ich sage mal so: Es ist noch Luft nach oben.
skype.4

Die Unis und die Krise 

Am leichtesten hatten es die Unis. Seit Jahren auf einen solchen Fall vorbereitet, stellten sie souverän und quasi über Nacht ihren kompletten Lehr- und Prüfungsbetrieb auf Distanzlehre und digitale Formate um, hielten engagiert und fürsorglich Kontakt zu ihren Studierenden, und jammerten dabei kein bisschen.
Naja. So zumindest wird man es sich dereinst erzählen.
klausurDie digitale Bibliothek 

Bibliothekare sind innovationsfreudige Menschen, auch wenn man uns gelegentlich anderes nachsagt. Wir passen uns schnell an veränderte Gegebenheiten an, und schrecken (einmal vor vollendete Tatsachen gestellt) kaum vor neuen Systemen zurück. Vielleicht auch weil wir gelernt haben, dass wir am Ende keine Wahl haben. Wer alle paar Jahre wieder mit einer neuen Bibliothekssoftware konfrontiert wird, die von irgendeinem wenig fachlich, aber dafür umso mehr finanziell interessierten ausländischen Softwareanbieter aus dem Boden programmiert wurde, der wird reichlich stabil in Sachen Frustrationstoleranz.

The medium is the message

Der Vorteil an Videotelefonie am Laptop ist, dass man dabei in aller Regel die Hände frei hat, um zum Beispiel zu tippen oder zu telefonieren. Das ermöglicht seltsame kommunikative Totalerlebnisse, die die Verschränkung der verschiedenen Kanäle auf neue Extreme treiben: Den Vogel schoß eine Kollegin ab, die mit ihrem Handy mit einer dritten Person telefonierte, und davon in die bestehende Videokonferenz hineinberichtete, also WÄHREND wir gleichzeitig miteinander skypten. Generation second screen? Way ahead of you!

Und so wurden auch bei uns tapfer neue Software-Welten beschritten, es wurde mit Headsets gekämpft und Kabelsalat gebändigt, mehr als einmal kam es zu schweren Kaffeetassenunfällen. Gelegentlich verschwindet auch einmal ein Kollege wortlos aus der Runde, es wird dann angenommen, dass er sich Wichtigerem widmen musste, vielleicht war eines der Kinder gestolpert, oder es hat an der Haustüre geklingelt weil ein Lieferant kam, oder die Internetverbindung ist einfach weggebrochen.

Aber die Krise hat uns gelehrt: Das Leben geht weiter.