Bergungsaktion

Man nennt sie auch: „Die durch das Feuer gehen“.
– Gelegentlich kommt es vor, dass ein frisch erschienenes Lehrbuch kurz noch einmal den Studierenden entzogen werden muss, um zum Beispiel eine Signatur zu korrigieren. Todesmutige BibliothekarInnen riskieren bei diesen Bergungsaktionen im Einsatz um das Buch Kopf und Kragen. Sie sind wahre Heldinnen.

Neues aus Siechenstadt

In den letzten Wochen hat sich die Situation leider weiter in Richtung Mittelalter entwickelt. Die Bibliothekarinnen halten unverdrossen die Stellung, in einer Welt, die sich zusehends auf wesentliche Frage zuspitzt: Wer darf WO sein? Und Warum.
Eine Rundschau über die großen Fragen der Menschheit.

An was dürfen wir glauben?


Wen dürfen wir sehen?

Wohin dürfen wir gehen?

Was dürfen wir tun? (Niesen jedenfalls besser nicht)

Siechenstadt

Die Corona-Pandemie hat vielfach analoge Dinge in den Alltag zurückgeholt, die man eher aus dem Mittelalter kennt. Die Bibliothekarin findet nicht nur Schlechtes dabei.

Persönliche Anmeldung, Warten vor gestrengen Schaltern, regelmäßige Waschungen, Maskierung und das Weiterrufen von Hausdach zu Hausdach (oder von Mail zu Mail): „In diesem Hause ist ein Infizierter gewesen, habet acht!“ – Manches in unserem Alltag in der Bibliothek erinnert derzeit wieder an das Mittelalter. Für die Bücher ist das zweifellos von Vorteil, sind sie doch so weit geschützter vor dem Zugriff der frechen Nutzer.

Früher war es in Bibliotheken üblich, dass man einen förmlichen Antrag stellen musste, in dem man sein Anliegen darlegte, Sie können das vergleichen mit einem Partnerinserat, in dem es am Schluss heißt: „nur ernstgemeinte Zuschriften bitte“.
Gestrenge Bibliothekare prüften dann, ob der Zutritt gestattet wurde, man durfte also nicht einfach so vorbeikommen.


Die Pandemie hat es mit sich gebracht, dass wir teilweise wieder auf ganz ähnliche Mittel ausweichen müssen: Mancherorts werden wieder Lesesaalkarten ausgegeben, ein fixer Schreibtischplatz muss reserviert werden und beim Rückstellen tragen wir Bibliothekare jetzt öfters Handschuhe. Die Öffnungszeiten haben sich ebenfalls geändert, und mittags ertönt ein Gong, der zur Lüftungs- und Desinfektionspause ruft und die Leute hinausschickt.

Zu meiner Studienzeit wohnte ich übrigens in der Ayrenhoffgasse, und schräg gegenüber lag ein ehemaliges Krankenhaus mit dem großen Schild, „Anfahrt für Infektionskranke“. Was ich damals lustig fand, lässt mich dieser Tage manchmal zurückdenken und leise schauern..

Die Kollegin und ich haben diese Woche einen Vortrag über historische und aktuelle Benutzungsordnungen gehalten, der sich ganz ähnlichen Themen widmete. Dabei haben wir gelernt, was mittelalterlichen Buchbenutzern drohte, die sich nicht an Regeln hielten (mitunter: das Höllenfeuer). Das Höllenfeuer finden wir zwar etwas übertrieben, aber, natürlich träumen wir nun davon, unsere Bücher wieder mit Ketten an Pulten festzumachen, außerdem wünschen wir uns eine Kanzel, von der herab wir aktuelle Verordnungen und Mahnungen feierlich verlesen könnten..zB solche des Gesundheitsministeriums.. Jedenfalls finden wir den neuen Respektsabstand, den die Nutzer uns entgegenbringen nicht nur negativ. Es muss ja nicht gleich das Höllenfeuer sein.

Gaudeamus igitur

Auch wenn wir hier gerne makabere Scherze machen. Falls Sie nun glauben, uns wäre hier die ganze Zeit so zum Lachen zumute: Dieser Tage fand auch wieder die erste Sponsion an unserer Uni statt. Rektorin und Vizerektor zogen in ihren Talaren und mit schwarzen Masken zu Gaudeamus igitur ein. Sogar das Orchester durfte spielen, eine kleinere Besetzung und unter strengen Sicherheitsabstandsbestimmungen.

Eine schauerliche Szene irgendwie, würdig, feierlich und auf eine Weise ja, sehr mittelalterlich.
Man sah sich auf einem mittelalterlichen Marktplatz wieder und fragte sich spontan: Wo wird denn jetzt hier die Hexe verbrannt?
Aber dennoch: Hier wurde eine wichtige und würdige Feierlichkeit für unsere Studienabsolventen in schwierigen Zeiten stilvoll umgesetzt, und dennoch nach außen getragen, dass wir eine Vorbildwirkung haben und „die Sache“ sehr ernst nehmen hier.
Ich war für einen Moment sehr stolz auf meine Universität.

Buchverschleiß – ein medizinisches Compendium für die bibliothekarische Praxis

Schon immer hat es mich gereizt, eine kleine Studie anzulegen, dazu wie und an welchen Stellen Bücher kaputt gehen, die man häufiger und länger benutzt. Lehrbücher und Kommentare in einer Unibibliothek sind ein ausgezeichnetes Patientenkollektiv für eine solche Studie: Sie werden stark beansprucht, von zahlreichen Studierenden gelesen, durchgeblättert, darüber hinaus werden sie täglich zahlreiche Male herumgeräumt und zurück ins Regal gestellt. Lehrbücher und Kommentare sind die Hochleistungssportler unter den juristischen Büchern.
Here we go.

Karies

Glauben Sie Ihrem Zahnarzt (und Ihrem Bibliothekar): Karies beginnt schleichend. Eine kleine Stelle erst, wo sich der Belag ein wenig an der Oberfläche wölbt, unmerklich abnutzt, Rillen entstehen und Bakterien eindringen können (hier erst bei sehr genauem Blick außen und oben am Rand zu erkennen). Zu diesem Zeitpunkt ist medizinisch noch alles offen: Mit regelmäßiger Pflege und sorgsamer Behandlung kann man so etwas noch gut in den Griff bekommen. Auf die leichte Schulter nehmen sollte man es aber nicht.

Besenreißer

Jeder kennt das: Unschöne Besenreißer oder auch Cellulite an der Oberhaut gehören zu den häufigsten Verschleißerscheinungen, die anzeigen, dass das Buch schon eine längere Lebensspanne im Bestand auf dem Buckel hat, auch können sie im Verlauf eines langen Buchlebens immer wieder einmal auftreten. Auch hier ist noch nicht gleich Panik angezeigt, mit konservativen Maßnahmen wie einem stützenden Tixofilm oder einer Bandstärkung an den neuralgischen Punkten sollte aber nicht zu lange zugewartet werden. Dann ist die Prognose gut.

Sportverletzung

Kurz im Regal an die Eisenkante des Fachbodens gestoßen oder beim hurtigen Rückstellen eins auf den Deckel bekommen, auch ein Sturz aus hoher Höhe kann dramatische Folgen haben: Die Sportverletzung sieht beeindruckend aus, weil Prellungen sich meistens unmittelbar am Buchrücken zeigen. Manchmal lösen sich Teile des Einbandes, und geben das kartonierte Innenleben preis. Die Eingeweide des Buches quellen einem quasi regelrecht entgegen, da braucht es starke Nerven! In aller Regel kann man hier aber Entwarnung geben: Bücher mit Prellungen sollten geschont werden, in dem man sie einige Tage dem Bestand entzieht und die zentrale Verletzung behandelt. Stabilisierende Maßnahmen und eine schonende Behandlung können auch noch mit einfachen Hausmittelchen durchgeführt werden, in schwereren Fällen muss ein Spezialist (der Buchbinder) ran. Nach Ausheilen der Verletzung können solche Bücher wieder am Buchverkehr teilnehmen.

Es wird ernst: Bandscheibenvorfall

Besonders ältere und übergewichtige Kommentare, die schon in die Jahre gekommen sind, bekommen gerne Probleme mit der Bandscheibe: Die Ursache für solche Wirbelschäden am Buchrücken ist meist Überbelastung. Sind die Wirbel erst beeinträchtigt, wird das ganze System schnell instabil. Hier gilt es keine Zeit zu verlieren. Kleinere Baustellen können noch konservativ behandelt werden, in schwereren Fällen ist ein operatives Vorgehen unumgänglich.

Ein Notfall: Die Aortenruptur

Jetzt aber schnell zum Arzt: Unter dem Einfluss extremer lokaler Schwerkräfte können schließlich die Wandschichten der Aorta (Hauptschlagader des Buches) einreißen. Die Innenbindung des Buches löst sich, und die Seiten beginnen wild in alle Richtungen zu emittieren. Dies ist ein absoluter Notfall! In solchen Fällen ist unverzüglich eine Klinik (Buchbinderei) aufzusuchen, die buchrettende Notfallmaßnahmen einleiten wird. An zentraler Stelle wird ein Thoraxröntgen zur genaueren Diagnosestellung und Eingrenzung des Schadens durchgeführt, als Therapie der Wahl gilt heute die endobiblionale Platzierung von Prothesen. Die Prognose hängt vom Schweregrad der Verletzung, dem Alter des Buches und dem Buchbindebudget der Bibliothek ab. In der Regel besteht aber Hoffnung auf Heilung.


Die Behandlung: Kurativ oder Operativ

Ob kleinere Schnittverletzungen, Leistenbrüche oder größere Traumata: In Mitleidenschaft gezogene Bücher werden dem Bestand entzogen, und in separaten Behandlungsfächern nach dem Triage-Prinzip zur Behandlung vorstellig gemacht. Hautläsionen an der Oberhaut können mit Hausmittelchen provisorisch behandelt werden, Knochenbrüche werden beim Buchbinder geschient, manchmal kann auch ein kurzer Kuraufenthalt schon Wunder wirken. Bücher, die trotz kurativer oder operativer Behandlung aufgrund ihrer langen Lebensdauer nicht mehr länger im Bestand eingesetzt werden können, werden in Frühpension entlassen: Sie werden stationär in einem der Magazine aufgenommen oder in ambulante häusliche Pflege bei interessierten Lesern überantwortet.

Vielen Dank an dieser Stelle. Bleiben Sie gesund und schalten Sie gerne wieder ein, zu
Dr. Lillis medizinische Bücherrundschau!