Das Internet der Dinge

Mit zum Schönsten am Beruf der Bibliothekarin gehört die Tatsache, dass man in einer Welt, die immer digitaler wird regelmäßig in die vertraute alte Zettelwirtschaft  zurückwechseln darf.

Die brennende Frage, die den Nutzer und die Nutzerin (und in Folge auch die Bibliothekare) umtreibt lautet ja in den meisten Fällen „Wo ist das Buch?“. Früher kamen die Leute noch mit kleinen Zettelchen an den Schalter. Auf dem Zettelchen, das damals noch nicht post-it hieß, sah man eine Signatur, einen Einkaufszettel oder irgendetwas, das aussah wie eine EKG-Linie. Heute halten Nutzer uns in aller Regel ihre Smartphones unter die Nase, oder manchmal auch gleich den ganzen Laptop, sie fragen „Wo ist das?“ und deuten dabei auf den Bildschirm. An dieser Stelle wundere ich mich dann immer, wie zerkratzt ein Handybildschirm eigentlich sein kann, von dem man noch lesen können möchte, und höre regelmäßig: „Ich warte noch bis das neue Modell rauskommt, dann kaufe ich mir ein Neues..“

Ein neues Modell – Ordnung ist das halbe Leben

Die Bibliothek pflegt indessen unverdrossen ein System aus Stempeln, Etiketten, Laufzetteln und Lieferscheinen, das historisch gewachsen ist und technisch durchaus seine Berechtigung hat. Nichts ist sicherer als ein physischer Beweis, den man auch angreifen kann und  „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“ (Faust). Ein weiterer Vorteil von analoger Verwaltung ist ihre Eigenschaft, dass man sie so schwer hacken kann.

Wie sehr das Analoge und das Digitale ineinandergreifen, bemerkt man aber spätestens dann, wenn man papierne Arbeitshilfen zu Dokumentations- oder Überprüfungszwecken „noch eben mal kurz abfotografiert“. Es passiert nicht selten, dass ich mit meinem Handy Fotos von Signaturen, Rechnungen oder irgendwelchen Verlagsprospekten mache, um dann am Computer nochmal zu schauen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Manche Leute fotografieren auch die Einträge aus ihrem papiernen Stehkalender regelmäßig ab, sprechen aber nicht darüber. Die Lehrenden an Schulen und Unis machen übrigens etwas Ähnliches: Sie schreiben mit bunten Stiften auf ein Whiteboard (eine Art moderne Form der Tafel), und fotografieren das Ganze dann ab um es als grafisches Protokoll hochzuladen und für die Studierenden zur Verfügung zu stellen. Ziemlich Meta.

Hier in der Bibliothek erwerben und verwalten wir jedenfalls viele tausend Bücher und Medien, die alle in die richtige Schiene geführt werden müssen. Dabei geht es manchmal zu wie am Flughafen: Wenn irgendwo auf der Datenautobahn ein Unfall passiert, ist das eBook plötzlich gesperrt, und wenn ein Buch mit falschem Vermerk an einem Institut einlangt und die das dort nicht merken, dann verschwindet so eine ganze Ladung Bücher auch gerne mal ganz unbemerkt im System. Aus diesem Grund werden Laufzettel eingelegt, die mit dem Buch mitlaufen und nach einem ausgeklügelten Farb- und Namenscode bis zum Eintreffen am Zielstandort eingelegt bleiben. Man mag das altmodisch nennen, aber es funktioniert.

Die preußischen Instruktionen

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Wenn man auf einer Party so richtig auftrumpfen will, erzählt man einfach von den Preußischen Instruktionen: Die Preußischen Instruktionen waren ein Bibliographier-System, das sich an der Informationshierarchie alter Karteikarten orientierte, im Grunde also eine Art Datenbanksprache. Es ist ein veraltetes Regelwerk, und mutet furchterregend umständlich an. Die Hauptregel, die jeder Bibliothekarsschüler im Lehrgang zumindest noch einmal erzählt bekommt: Als erstes Ordnungswort wird das erste von keinem anderen Wort grammatisch abhängige Substantiv genommen, das Substantivum regens.

zB: Des Meeres und der Liebe Wellen wäre dann zB einzuordnen unter Wellen, und so weiter.

Im Grunde machen Juristen ja etwas ganz Ähnliches: Sie subsumieren Sachverhalte unter Regeln, sie sagen: Aja, das gehört hier dazu.

Zettelkästen

Im Prinzip beschrieben die Preußischen Instruktionen nur eine Gebrauchsanweisung für ein alphabetisches Sortiersystem, mit dem man Zettelkästen bespielen konnte, so ähnlich wie heute Algorithmen und Programmiersprachen beschreiben, wie Informationen im Internet dargestellt, gefiltert und verarbeitet werden können.
Zettelkästen waren damals eine verbreitete Katalogform, auch wir haben noch ein paar von diesen Ungetümen im Fundus. Man munkelt sogar, dass eine Bibliothekarin vor dem Umzug ein paar alte Institutszettelkästen in ihren Privathaushalt überführt hat, um Wolle, Postkarten und ähnliche Kleinodien darin zu verwahren, doch das müssen wilde Gerüchte sein.

Analoge Entlehnsysteme – Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn ich, erwürgen

Auch zum Entlehnen von Büchern gab es ein System, das auf Papier läuft: Wer ein Buch aus dem Regal entnahm, trug (bei vorhandenem Anstand und Ehrgefühl) den Titel und seinen Namen auf eine sogenannte Entlehnkarte ein. In Österreich sagen wir auch Buchreiter zu diesen Kartonscheibletten, während Deutschland den viel liebevolleren Begriff  „Buchstellvertreter“  dafür geprägt hat. Man muss nicht an einer Uni arbeiten, um zu erkennen, dass dieses System von einer gewissen Moral abhängt, und daher fehleranfällig ist. Jedenfalls aber kann man an einem solchen Buchstellvertreter zumindest eine gewisse Zeitlang noch die Entlehnhistorie nachvollziehen, erstaunt lesen dass Prof. X zuletzt 1994 mit dem besagten Kommentar gearbeitet hat, und zu dem Schluss kommen, dass Prof. X mittlerweile seit über 10 Jahren emeritiert ist. Das traurige an Buchstellvertretern ist zwar, dass früher oder später nur noch der Stellvertreter da ist, aber niemals das Buch. Doch wenigstens hat man dann noch den Karton, um sich zu trösten, während elektronische Daten meistens einfach weg sind. Zumindest gibt einem dieses System ein Gefühl des Funktionierens und ein gewissens Vertrauen in die Weltordnung, bevor sich die Spur eines Buches im Dunkeln verliert..

Der Buchstellvertreter und die DSGVO

Solange Daten in lokalen Papiersystemen physisch vor Ort verzeichnet waren, hatte niemand schlaflose Nächte wegen ihrer Abrufbarkeit. Das stellt sich mit der in Kraft getretenen DSGVO und dem erhöhten Bewusstsein für Datenschutz in digitalen Welten freilich anders dar. Ob man auf einem Server oder in einer Cloud Dutzende von verknüpften Nutzer- und Entlehndaten hosten und bearbeiten darf, und unter welchen Bedingungen, ist zB Gegenstand zahlreicher juristischer Diskussionen, die im Moment nicht nur die Unis beschäftigen. Auch die Frage, ob auf Mitarbeiter entlehnte Bücher in einem weltweit abrufbaren Webkatalog mit Name gelistet werden dürfen, steht dabei immer wieder im Raum, und sie wird durchaus unterschiedlich beantwortet.

Am anderen Ende der Leitung

Um zum Handy am Anfang zurückzukommen: Eine Freundin von mir schrieb einst eine Arbeit über die Anfänge des Telefons („Das Pferd frisst keinen Gurkensalat!“, Sie wissen schon). Darin wurde auch verhandelt, dass die ersten Benutzer des Telefons noch keine Erfahrung mit dem Fernsprechen hatten, sie mussten erst eine Kultur der Unterhaltung mit diesem Apparat entwickeln. Da man aufgrund der Übertragungsschwäche oft keinen guten Ton hatte, konnte man nie so sicher sein, wann und ob das Gegenüber das Telefongespräch beenden wollte. Daher kam man überein, dass als Signal des Gesprächsendes laut das Wort „Schluss! in den Hörer zu rufen sei.

In der Nationalbibliothek wiederum wurde vor nicht allzulanger Zeit noch vom Saaldienst durchgegangen und „Leseschluss!“ gerufen, um die Nutzer abends zum Gehen aufzufordern. Seit neuestem wird angeblich nur noch ein Lied abgespielt, was natürlich nicht halb so cool ist..

Ich werde an dieser Stelle nun auch mit gutem Beispiel vorangehen (ins Wochenende), ich rufe ein herzliches Schluss! in die Runde, und begrüße Sie nächste Woche wieder an dieser Stelle, wenn es heißt:

Das ANALOGE und das DIGITALE
–SCHLUSS!–

 

 

 

 

Stichwort [Zensur] Warum es wichtig ist, dass Bibliotheken auch umstrittene Bücher haben

Öffentliche Bibliotheken leisten einen wichtigen Beitrag zur Demokratie. Genau deswegen sollten sie ein breites Meinungsspektrum repräsentieren, und um polarisierende Titel keinen Bogen machen. Das sieht man allerdings nicht überall so.


Verbrannte Wörter

Vor Kurzem schrieb die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Ingrid Brodnig auf Twitter über ein Buch, das sich den sprachlichen Wurzeln von heute noch geläufigen Redewendungen widmet. Das Buch ist aus dem DUDEN Verlag, und trägt den etwas plakativen Titel „Verbrannte Wörter – Wo wir noch reden wie Nazis.“. Es geht darin also um Formulierungen, die wir im Bibliothekskontext als „belastet“ bezeichnen würden, von denen manche aber auch durch eine Bedeutungsverschiebung als rehabilitiert in den normalen Sprachgebrauch eingegangen sind. Sprache entwickelt sich, und das „Unsagbare“ einer Generation muss nicht für alle Kommenden noch gleich stark wirken. Gerade bei solchen Formulierungen lohnt sich aber ein Blick auf ihren Ursprung. Es ist mir selbst schon passiert, dass ich erstaunt über eine mir harmlose Redewendung künftig sensibler auf den Kontext achtete (Stichwort „durch den Rost fallen“ – viele junge Menschen kennen den Abgrund aus dem dies stammt nicht mehr).

Ich fand das Buch jedenfalls interessant und habe es für die Bibliothek bestellt, da sich auch JuristInnen viel mit sprachlichen Feinheiten beschäftigen. Der Buchtipp hatte indessen einen Nerv getroffen: Unter dem Buchhinweis von Frau Brodnig versammelten sich sogleich noch ein paar  mir unbekannte PosterInnen, die sich erregten „man kann aber auch alles zu Tode akademisieren“ und etwas von „Sprachpolizei“ und „Redefreiheit“ schrieben, was ihnen unbenommen sei.

Auf der anderen Seite dieser Skala finden sich in letzter Zeit zB AutorInnen, die Lesungen in Buchhandlungen absagen, weil dort vor Zeiten auch extremistische Schriftsteller geladen waren;  oder Leute die Journalisten vorschreiben, sie dürften nicht in kontroverse Talkrunden gehen, weil man der politischen Rechten den Diskurs verweigern und keine Bühne bieten dürfe. Von all dem und der Meinungs- und Lesefreiheit handelt dieser Essay.

The medium is the message

Die Grenzen, wo etwas noch (kritisierbare) Meinung ist, und wo Haltungen beginnen, denen aufgrund ihrer schieren Hetze und Menschenverachtung jeglicher Diskurs verweigert wird, sind bekanntlich nicht immer so leicht zu treffen. Tatsache ist aber, und das erstaunt auch unsere NutzerInnen immer wieder, dass wir als Bibliothek uns dieser Frage meist gar nicht stellen (müssen). Warum? In dem Moment, wo Jemand einen Titel lesen möchte, müssen wir uns mit dessen Anschaffung befassen, die (bis auf seltene Fälle) auch tatsächlich erfolgt. Wenn jemand also alle Bücher von Thilo Sarazzin lesen möchte, dann soll er die Möglichkeit dazu haben. Dies möglichst ohne sie sich selbst kaufen zu müssen; es ist nicht unsere Aufgabe die Motive unserer LeserInnen zu hinterfragen.

In unseren Regalen finden sich daher Werke von Karl Marx und Donald Trump genau so wie die Encykliken der Päpste, ebenso Birgit Kelles „Gender-Gaga! Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“. Auch haben wir Schriften des Staatswissenschaftlers Carl Schmitt, über den die Wikipedia Folgendes schreibt: „Schmitt wird heute wegen seines staatsrechtlichen Einsatzes für den Nationalsozialismus als Gegner der parlamentarischen Demokratie und des Liberalismus und als „Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt“, weithin abgelehnt. Allerdings wird er aufgrund seiner indirekten Wirkung auf das Staatsrecht und die Rechtswissenschaft der frühen Bundesrepublik mitunter auch als „Klassiker des politischen Denkens“ bezeichnet.“

In unserer Newslounge wiederum liegt das komplette Programm an Tageszeitungen aus dem In- und Ausland auf, obwohl wir in der Tat nicht jede derer Blattlinien teilen.

Der Mythos vom Wahren, Guten und Schönen 

Die meisten Leute denken, dass Bibliothekare an Schaltern sitzen, und all die Bücher selbst lesen, die sie zuvor geprüft, liebevoll ausgesucht und bestellt haben, und das ist ein Irrtum den man leider nicht oft genug entzaubern kann: Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass Bibliothekare beim Kauf eines Buches eine Art gläubiges Bekenntnis zu dessen Inhalt abliefern würden. Wir sind keine Fleischersgesellen, die einem besonders gut geratenen Bratenstück das Prädikat „besonders wertvoll“ umhängen oder es als „für die Öffentlichkeit bedenkenlos“ zum Lesen freigeben. Ganz im Gegenteil: Gesellschaften, in denen solche „Leseempfehlungen“ angewendet oder ausgesprochen wurden, waren in aller Regel keine besonders demokratischen. Bibliotheken, die ihren Bestand beginnen nach eigenen politischen oder religiösen Anschauungen auszurichten, geraten in ein gefährliches Fahrwasser. Unsere Gesellschaft ist divers, und eine Bibliothek die ihre Bestände durch einen Filter, sei es auch jener einer „political correctness“ gleiten lässt, wäre eben genau das nicht: eine Bibliothek. In einer Welt, in der gleichwer ob Linke, Rechte, Atheisten oder Fundamentalisten uns erklären, was gelesen werden darf, und was nicht, möchte ich jedenfalls nicht leben.
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Blattlinie

Aber anders als Buchhandlungen müssen wir auch nicht so klar Stellung beziehen, was gewissermaßen ein Privileg und eine Einschränkung zugleich ist. Buchhandlungen haben meist eine bestimmte Ausrichtung, und anders als Bibliotheken sind sie auch vielmehr vom wirtschaftlichen Gewinn abhängig, leisten mit dem Vorrätighalten eines Titels aber auch eine direkte finanzielle Unterstützung für die Kasse des Autors. Es ist die Entscheidung einer Buchhandlung, welche AutorInnen sie zu Lesungen einlädt oder in die Auslage legt, und die Entscheidung der Kundinnen, ob sie das unterstützen wollen.

Das ist bei Bibliotheken eben anders. Als Universitätsbibliothek werden wir auch von der öffentlichen Hand finanziert, und natürlich unterliegen wir in Hinblick auf unser Budget den Grundsätzen der Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit, des Bedarfs, etc. Es gibt Bibliotheken, die einen speziellen Schwerpunkt haben und diesen auch offen deklariert haben (was das Wichtigste ist), anarchistische Bibliotheken oder Zeitgeschichte-Bibliotheken etwa, linke Bibliotheken, und das alles hat auch seinen Platz.

Prekäre Titel

Nur in den seltensten Fällen wird das Forschungsinteresse eines Ankaufsvorschlags von der Bibliothek hinterfragt. Wir servicieren als öffentlich zugängliche Bibliothek die verschiedensten Publikumsströme, von den Schulen bis hin zu den Pensionisten. Solange die Versorgung unserer Kernzielgruppe (der Universitätsangehörigen) mit Fachinformation gewährleistet ist, ist es uns gleichgültig ob jemand eine wissenschaftliche Arbeit, einen journalistischen Artikel schreibt oder in seinem Ruhestand neue private Interessensgebiete erschließt: „Das interessiert mich!“ reicht bei uns, und das ist auch gut so. Das „warum“ hat uns schlicht nicht zu interessieren.

Dass manche Titel in speziellen Magazinen dem direkten Zugriff etwas entzogen werden, hat indessen reichlich pragmatische Gründe. Manchmal sind es schlicht besonders teure Werke, die so vor Diebstahl gesichert werden. Für äußerliche Kennzeichen im Buchdruck des NS-Regimes wie Reichsadler oder Hakenkreuz-Stempel gibt es einen Schwarzmarkt-Handel auf Börsen im Internet, weswegen aus Büchern dieser Zeit schon zuweilen solche Insignien herausgeschnitten und verscherbelt wurden. Auch dies kann ein Grund sein, solches Buchgut eher besser zu verwahren, ohne es völlig dem Zugriff der Forschung zu entziehen. Einen „Giftschrank“, wie man das früher nannte, in dem Bibliotheken besonders abartige Titel auf immer wegsperren, haben aber in Wahrheit die wenigsten Universitäten.

Dass wir auch umstrittene Titel haben, bedeutet jedenfalls nicht, dass wir deren Meinung inhaltlich teilen. Wir würden aber jederzeit alles dafür tun, dass Sie sie lesen können. Und genau das macht uns zur Bibliothek.

„Ich missbillige was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“, so könnte man schließen.
Der deutsche Bibliothekenverband hat übrigens gerade zum Geburtstag des Grundgesetzes eine Aussendung zum Thema Bibliotheken und Demokratie entworfen.

„Russia: Douze Points!“ – politische Lektüren zum Eurovision Song Contest

Ich hatte mir kürzlich gewünscht, dass die Völkerrechtler in meinem Umfeld doch mal was zum SongContest diskutieren oder aus ihrer Sicht erzählen oder schreiben sollten. Dass der ESC eine reichlich politische Veranstaltung ist und immer war, muss an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden. In diesem Atemzug habe ich die Bestände der Bibliothek nach ESC Literatur durchforstet und bin auf durchaus interessante Werke gestoßen. So Here you go.

 

Ein ganzes Feld widmet sich der Teilnahme der ehemaligen Ostblockländer beim Song Contest. Es geht um Geld, es geht um Macht, es geht um Geschlechteridentitäten in traditionalistischen Rollenbildern. Dass hier gerne Länder aus eher strategischen Überlegungen politische und geografische Nachbarn durch großzügige Punktevergabe freundlich stimmen, ist auch kein Geheimnis mehr. Diesen für den Zuschauer relativ langweiligen Gefälligkeitspunkten wird in der Geschichte des ESC immer wieder durch Einführen oder Abschaffen verschiedener Jurywertungs-Systeme gegengesteuert. Nicht besonders erfolgreich.
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Früher war mehr Lametta

Dass kaum mehr in den traditionellen Landessprachen gesungen wird, bedauert die Erstellerin dieses Blogs aus persönlichem Unterhaltungsgedanken heraus. Auch die Klassiker der Bühnenkunst geraten leider zunehmend in Vergessenheit: Dazu gehören beim ESC der großzügige Einsatz von Feuer und Wasser, aber auch das Auftreten in folkloristischen Trachten und Phantasieuniformen. Beliebt war früher auch das „Wechselkleid“, welches mit einem beherzten Ruck zum Vorschein gelangte.

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The Case of Conchita

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War der ESC früher Austragungsort einer eher verstaubt anmutenden Ostblock-Nostalgie, wird er seit der Jahrtausendwende zunehmend zum Verhandlungsplatz für liberalere Sexualmoral, Rollenidentitäten und Geschlechterdefinition, was auch in den Songs und der Entsendung der Interpreten zum Ausdruck kommt.

Negotiating Sexual Desire at the Eurovision Song Contest: On the Verge of Homonormativity?

Nicht zuletzt geht es beim ESC auch um eine Menge Geld und Tourismus, und die Frage welches Land als Sieger den Austragungsort des Folgejahres stellen wird. Besonders kontrovers und skurril geraten hier immer Beiträge von Staaten, die von der allgemein schlechten Menschenrechtslage im eigenen Lande mit einer überkompensatorischen Show aus Glitzer und Travestie ablenken wollen (Azerbaidschan).

Und, zurück zum Völkerrecht: Falls Sie sich auch schon immer gefragt haben, warum Australien am Eurovision Song Contest teilnimmt: Ich mich auch.

Die angeführten Werke sind alle im Bestand der WU Bibliothek erhältlich. Auffinden und lesen kann man Sie übrigens nur, weil hochsensible OCR Technik die Inhaltsverzeichnisse erkennt. In vielen Fällen wird ein solcher Artikel aber überhaupt erst dadurch erkannt, dass ein kundiger Fachreferent/in den Inhalt nochmal kurz quer liest, und in den Datensatz schreibt: „Eurovision Song Contest“. Das ist so ziemlich das beste Beispiel, wie man den Wert von Sacherschließung erklären kann.

Hier sehen Sie nochmal ein Cover, das das Verhältnis der Balkanländer zu Europa thematisiert. Es ist etwas verwirrend, denn man sieht Pierre Brice (einen Franzosen), der Winnetou (einen Indianer) spielt.
Sinn ergibt das Bild nur, wenn man weiß, dass die Filme in Yugoslawien entstanden, deswegen sieht man auch manchmal die Autobahn im Hintergrund. Der deutsch-serbische Schauspieler Gijko Mitic (rechts) wurde zum Darsteller zahlreicher fiktiver Indianerpersönlichkeiten.
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Erinnerungslandschaften

#Gedächtnisbibliothek

Gemäß der Formulierung eines unserer Kollegen, dass Handbibliotheken “ERINNERUNGSLANDSCHAFTEN” seien, habe ich hier ein paar Worte zur Gedächtnisbibliothek Prof. Rill geschrieben, die wir vor kurzem zur Bearbeitung übernommen haben.

Hand- oder Nachlassbibliotheken sind Erinnerungslandschaften, weil sie Einblick darin geben, mit welchen Themenkomplexen sich Forscher/innen zu einer Zeit ihres Schaffens beschäftigt haben. Eine solche Bibliothek zu erschließen ist immer etwas ganz Besonderes, und häufig findet man in solchen Beständen auch Bücher, die für sich alleine genommen überhaupt keinen Sinne ergeben, und erst in Kombination mit ein, zwei anderen Werken zu einem stimmigen Akkord zusammenwachsen.

Nicht selten findet man daher auch in Bücher eingelegte Zeitungsartikel, Rezensionen oder Rechtsmeinungen von Berufskollegen, über die der Nachlasser sich gefreut oder geärgert hat, und die eine besondere zusätzliche Fußnote zu einem juristischen Diskurs abliefern; (siehe oben “Ein Armutszeugnis – Studie über die Wirtschaftsuniversität”) – eine Praxis des Einlegens von Zeitungsausschnitten, die leider zunehmend im Aussterben begriffen ist.

Die meisten Nachlassbibliotheken bestehen aus einem sogenannten “Filetstück” (man verzeihe mir diese etwas flapsige Wort-Entlehnung von einem Prof. der hiesigen Anstalt): Dies sind oft ältere, teilweise auch wirklich wertvolle Bücher, die dem zentralen Sammlungsschwerpunkt des Forschers entspringen und das eigentlich Interessante am Bestand darstellen. Das Filetstück wird in jedem Fall aufgehoben und erschloßen, sofern die Bibliothek es zu Gesicht bekommt.
Umkränzt wird dieses “Filetstück” meistens von einem gewissen, nennen wir es einmal höflich: Sammelsurium: verschiedenste Auflagen von Lehrbüchern und Kommentaren, an denen der Nachlasser herausgebend mitgewirkt hat. Hinzu kommen Buchgeschenke von Kollegen, die von der juristischen Entwicklung, dem Auf und ab des Verlagsmarktes bereits vielfach wieder abgelöst und eingeholt worden sind, die aber durch eine Vielzahl von lieben persönlichen Widmungen eine eigene Geschichte erzählen, an Symposien,  Veranstaltungen erinnern und Zeugnis langjähriger akademischer Wechselbeziehungen geben.
Abschließend findet man dann häufig noch das eine oder andere Kuriosum, belletristische Werke oder Klassiker des Juristenhumors (siehe oben: “Das Klopapier im österreichischen Recht”).

Die Aufgabe der Bibliothek besteht, so sie denn die Möglichkeit dazu erhält und nicht überhaupt nur das “Sammelsurium” übernimmt, in der Erschließung und Sortierung des Bestandes. Dabei gilt es das Wesentliche vom Unwesentlichen mit einem gewissen Augenmaß zu scheiden, ohne dabei den Bestand allzu sehr auseinander zu reißen oder in bibliothekarischer Rührseligkeit zu versumpfen.
Aufschluss dabei geben nicht zuletzt auch die Kollegen des spendenden Instituts, die den Bestand für eine Bearbeitung durch die Bibliothek vorsichten und aus der Sicht ihrer Institutsgeschichte heraus überblicken.