Aliud

Die Gunst der Bibliothekarin ist nicht leicht zu gewinnen. Die Kollegen des Zivilrechts versuchen es traditionell mit frechem Charme und einer eher großzügigen Auslegung der Gesetze.

aliud.3aliud.4aliud.2aliudaliud.5aliud.6aliud.7aliud.8                                                                                                                                            The END.

„Die Bücher sind entlaufen!“ – die verwirrende Sprache der Nutzer

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Die Benutzer der Bibliothek treten auf den verschiedensten Kanälen mit uns in Verbindung, und sie bedienen sich dabei oft einer Sprache, die sich für Fachfremde nicht auf den ersten Blick erschließt. Wir verstehen so gut wie immer, was sie uns sagen wollen, auch wenn sie dafür in den seltensten Fällen die Begriffe verwenden, die die Bibliothek dafür gedacht hat. Wir sind Bibliothekare: Nichts Menschliches ist uns fremd! Und selbstverständlich läge es uns fern, uns über die Sprache oder die Ausdrucksweise unserer Benutzer lustig zu machen. Auch bedienen wir als Universitätsbibliothek ein internationales Publikum, nicht überall ist Deutsch die Arbeitssprache, und auch das schlägt sich in so mancher Konversation nieder. Manche Formulierungen geraten aber derart poetisch und bemerkenswert, dass sie im kollektiven Gedächtnis der Bibliothek haften bleiben, und dann erlauben wir uns bei aller Ernsthaftigkeit auch kurz darüber zu schmunzeln.

Fristenlauf: Dann bist du fällig!

Wenn Nutzer uns schreiben, geht es meistens darum, dass Bücher verlängert werden sollen, weil die Entlehnfrist „zugeschlagen hat“. Alleine wie viele Flexionsformen der Verben „entlehnen“, „vormerken“ und „ausborgen“ dadurch über die Jahre der deutschen Sprache hinzugefügt wurden, wäre genug Stoff, um ein Wörterbuch zu füllen.

Im Grunde ist es ganz einfach: Es gibt Bücher, und die kann man entlehnen. Dann befinden sie sich auf dem Benutzerkonto. Wenn man sie entlehnt, werden sie aus dem System AUSgebucht und auf das Nutzerkonto AUFgebucht, und bringt man sie zurück, passiert das Gegenteil. Läuft dann die Entlehnfrist für die Bücher ab, werden sie „fällig“, und hier beginnt der Stress des Nutzers und die Sprachverwirrung sich schon allmählich zu verdichten. Oder, um mit Shakespeare zu sprechen: Kein Borger sei / und auch ein Verleiher nicht.

Die Angst des Nutzers vor der Entlehnfrist

Glaubt man den Nutzern, wird bei uns mitunter fröhlich „ausgelehnt“ und „eingemerkt“, und das sind noch die harmlosesten Dinge, die man Büchern antun kann. Auch krassere  Verschiebungen werden beobachtet, einmal hinsichtlich Grammatik („entborgt“, „vergebürgt“), andererseits hinsichtlich Bedeutung („belehnt“,  „erlöst“). Das bringt uns in die Nähe von Bibel und Schuldrecht und macht klar, dass eigentlich alle immer ein bisschen Ritter und Burgen mit uns spielen wollen. Ein weiterer Kosmos im dramatischen Nutzervokabular (Schuld, Sühne, Strafe) eröffnet sich, sobald eine Frist versäumt wird und Gebühren angefallen sind. Hier wird von „Bußungsgebühr“ bis „Gnadenerlass“ alles aufgeboten, was das Herz der Bibliothekare erweichen soll; einmal schrieb gar einer vom Frieden, was wir als Angebot eines Waffenstillstands im Kampf Bibliothek gegen Nutzer natürlich begrüßen.

„Ich bin fällig! Bitte verlängern Sie mich!“, schrieb uns ein Nutzer vor Zeiten und erkannte die Dramatik seiner Situation damit recht gut. Bibliotheksausweise werden bisweilen nicht ausgestellt, sondern gelöst (wie beim Glücksspiel, „hallo, möchte lösen!“), was auf profunde Kenntnis altertümlicher Magistratsschalter verweist, wo man vor Aufruf tatsächlich ein Nümmerchen ziehen musste. Außerdem betont es den Lotteriecharakter der Sache, denn zumindest muss der verzweifelte Nutzer in der Regel warten, bis das glückliche Los ihn trifft und die Bibliothek die Bücher gnadenhalber noch einmal verlängert.

Zu großer Verwirrung führt auch das technische Vorhandensein des Nutzerkontos, auf dem die Bücher verzeichnet sind, und auch wenn Gegenteiliges angenommen wird („Hilfe, Ich bin in mein Konto gesperrt!“) nehmen wir keine Gefangenen.
Die Bücher, die es zu retournieren gilt, sind bisweilen „entlaufen“ (wie streunende Hunde), im schlimmsten Fall sogar „ausgelaufen“ (wie verschüttete Milch), und können nur durch maximale Dehnung der sprachlichen Grenzen wieder mühsam eingefangen werden.

ritterDie Bewohner des Meeres sind an den Mond gebunden

Diesen Satz schrieb mein Großvater in einem Schulaufsatz, und er meinte damit, dass Fische und andere Meerestiere der Gravitationskraft des Mondes unterliegen, was man gemeinhin als Ebbe und Flut kennt. Auf den ersten Blick erweckt der Satz aber ein anderes Bild, und er ist ein ideales Beispiel für die Poesie, die sprachlichen Formulierungen innewohnt, sobald sie unbeabsichtigt die strengen Grenzen der Sachlichkeit zu verlassen beginnen.
Aber auch unwissentlich kann man in der Bibliothek einen Haufen Unannehmlichkeiten  anrichten. Schön, wenn dem zumindest eine gewisse Einsicht folgt.

unwissentlich

Fremdwörter sind Glückssache

Enttäuschend bitter ist oft der kalte Wind der Expertokratie: Bücher und Medien älteren Jahrgangs werden bei uns in einem Magazin aufgestellt und das steht im Katalog dann auch so daneben: Magazin. Nicht wenige Nutzer vermuten, dass es sich dabei um einen Hinweis auf die Ausgabeform „Zeitschrift“ handelt, und assoziieren erfreut Titel wie Gala, Bunte, Die ganze Woche und ähnliche Friseurlektüre. Zeitschrift ist, was man liest, während einem die Haare geschnitten werden, also im besten Falle noch Profil und Spiegel.

Studierende, die noch nicht lange an der Uni sind, haben überhaupt mit dem Begriff „Zeitschriften“ noch einen unbefangeneren Umgang, weil sie erinnern, was dieser Begriff bisher in ihrem Leben geheißen hat. Sie wissen noch nicht, dass es sich dabei um jene sautrockenen, wissenschaftlichen Fachzeitschriften handelt, und der englische Begriff „Journal“ macht die Sache nicht besser („Da sind ja gar keine Bilder drin!“). Aus diesem Grund erlaube ich mir scherzhaft, in unseren Kursen gelegentlich die Unterscheidung in E-Zeitschriften und U-Zeitschriften (ernste Zeitschriften und Unterhaltungszeitschriften) zu treffen, die vielen aus der Musik bekannt ist.

Autocorrect: Manche Sätze ergeben einfach keinen Singapur

Nicht immer ist der eigene Wortschatz der auslösende Faktor. Auch wer sich textsicher durch die Bibliothekskanäle bewegt, scheitert gerne an der Bevormundung der Autocorrectur. Zutritt zur Universität erlangt zB unsereiner als Mitarbeiter mit einem Plastikchip, der vor ein Lesegerät gehalten wird. Für diesen elektronischen Schlüssel wird hier offiziell das Wort „Schließmedium“ gebraucht.
Als Bibliothekare brauchen wir das Wort sogar ziemlich oft, da es öfters technische Probleme mit den Zutrittssystemen der Bibliothek gibt. Die Autokorrektur des Outlook-Mail-Postfaches aber findet das Wort Schließmedium nicht besonders logisch, und macht daraus konsequent „Schließmuskel“ – zu welch fragwürdigen Briefwechseln dieser Umstand schon geführt hat, überlasse ich gerne Ihrer Fantasie.
Das Eindrücklichste sind sprachliche Fehlleistungen, die auch geübten Englischssprechern im puren Stress entstehen. So belehrte ich vor Jahren zwischen Tür und Angel einen Studenten selbstbewusst über unsere Öffnungszeiten am „Car Friday“, und wunderte mich über sein Unverständnis angesichts österreichischer Osterfeiertage.

Unvergessen bleibt auch jener Nutzer, der uns in einem ausnehmend freundlichen und etwas verschnörkelten Mail zum Abschluss „Viel Verderben!“ wünschte. Was immer genau er damit zum Ausdruck bringen wollte und in welcher Zeile des Wörterbuches er auch immer verrutscht sein mag, so wollen wir bei allem vorhandenen Sinn für das Abgründige doch zu seinen Gunsten annehmen, dass er nicht unseren Untergang wünschte.

 

Halloween — Der Buchfluch

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Wallofried war ein ganz normaler Student, bis „die Sache“ passierte. Er hatte versucht ein Buch aus der Bibliothek Recht zu stehlen, das er für eine Prüfung brauchte. Wallofried dachte, das würde schon niemand bemerken, ABER: Eines Nachts wuchsen ihm FÜRCHTERLICHE! KLAUEN, und seine Hände, mit denen er das Buch entwendet hatte wurden zu grauenerregenden Tentakeln! Damit nicht genug. Als er die Bibliothek über den Diebstahl des Buches auch noch belog, und versuchte sich herauszureden, da wuchs ihm ein gewaltiger Schnabel, und seine Zähne wurden zu spitzen Hauern! Noch heute geht die Sage von Wallofried dem Garstigen, der an kalten Winternächten in der Bibliothek sein Unwesen treiben soll, und die Seelen von frechen Erstsemestern jagt..Daher liebe Studierende, bevor ihr ein Buch stehlen wollt..denkt daran, wie es dem armen Wallofried erging…denkt an ihn…muhaahahahahahaha (lachend ab)

 

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*Peter suchte anfangs nur einen Gelegenheitsjob, um seine teure Schauspielausbildung zu finanzieren. In der Bibliothek fand er ein Einsatzgebiet, das seinen pantomimischen Fähigkeiten und seinem latenten Sadismus eine nie geahnte Entwicklungsmöglichkeit bot, und so wurde er bald ein unverzichtbarer Teil des Teams.

Flüsterschule

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Ein TABU: Viele Menschen verbringen ihr Leben mit einem Geheimnis, das sie selbst mehr belastet als sie ahnen: Sie können nicht flüstern. Selbst unter äußerster Anstrengung schaffen sie es nicht, ihre Stimme auf das mauschelige Hinterzimmerniveau einer durchschnittlichen „Schau jetzt nicht auffällig hin, aber da drüben..“ Konversation herunter zu mildern.

Für uns Bibliothekarinnen ist dies ein großes Problem: Immer wieder begegnen wir Menschen, denen die grundlegenden Kenntnisse des Flüsterns in jungen Jahren nicht vermittelt wurden. Solche Personen können nur schwer in den Bibliotheksalltag integriert werden, und nur mit Mühe lässt sich im Erwachsenenalter ein solches Versäumnis nachholen. Nicht flüsternde Menschen neigen darüber hinaus dazu, von sich aus flüsternde Gruppen zu meiden. Sie bilden (wie Vorarlberger übrigens auch) Parallelgesellschaften, in denen es laut und lustig zugeht, sodass sie nicht unangenehm auffallen. Flüstern will gelernt sein, und wir wollen für nicht flüsternde Menschen eine Unterstützung geben: Aus diesem Grunde haben wir die erste Flüsterschule Österreichs gegründet. Gerade in Zeiten wie diesen, wo die Fähigkeiten des Mauschelns, Munkelns und Geheimniskramens quasi zum täglichen Handwerkszeug gehören, wollen wir dieses wichtige Soft Skill einer möglichst großen Bevölkerungsgruppe nahebringen. Nebenbei gehört es zu einer guten Ausbildung im Wirtschafts- und Korruptionsstrafrecht einfach dazu.

Trauen Sie sich, besuchen auch Sie unsere Flüsterschule, und auch Sie werden bald im Dunkeln gut Munkeln und anderen ein Ohr abkauen!
Auf unserer Kursliste für die Zukunft steht auch ein Modul über das Pfeifen. Denn wie könnte man sonst ein guter Whistleblower werden.