Geheime Mächte

In den letzten Wochen haben wir uns ziemlich viel an den Instituten herumgetrieben. Es galt ältere Bestände zu sichten, Nachbestellungen zu überlegen. zu entscheiden was noch für ein paar Jahre ins Magazin wandern oder endgültig verabschiedet werden soll.

Eine abwechslungsreiche und dennoch manchmal mühsame Angelegenheit, bei der einem immer wieder Preziosen vergangener Zeiten begegnen, in diesem Fall Aktienrecht aus verschiedenen EU-Ländern, und ältere rechtstheoretische Schriften.

Der Staat und seine Feinde

Auch in den Neuerwerbungen spiegelt sich das Thema „Staat“ in allen Varianten. Die jüngst erschienene Kelsen Biografie ist nach kurzer Corona-bedingter Verzögerung nun auch im Haus, und wir können endlich wieder ruhig schlafen.

Wenig Neues dafür  bei den Dauerthemen, die uns in Büchern und in der realen Welt beschäftigt halten: Versicherungen und Banken sind alles Kriminelle, Zahnsanierungen sind teuer, und wenn irgendwo etwas mit Geheimdiensten am Laufen ist, haben gewiss die Russen ihre Finger im Spiel.

Aller Herren Länder

Als Bibliothekare werden wir oft auch mit fremdsprachiger Literatur konfrontiert. Zum Spaß sage ich immer: „Selbstverständlich spreche ich wie alle Bibliothekare fließend Englisch, Griechisch und Latein und noch einige andere Fremdsprachen..“.

Fremdsprachige Titel haben ihren eigenen Flair, die die Sacherschließung gerne mal auf Irr- und Abwege führt:  Italienische Rechtsliteratur klingt immer so als würde gleich eine Revolution ausbrechen oder ein Manifest verkündet werden. Kyrillische Schrift kann ich nicht lesen, aber es sieht mal grundsätzlich ehrfurchtgebietend und gefährlich aus. Französische Titel haben etwas Anrüchiges, das man nur hinter verschlossenen Türen verhandeln möchte: „Droit des Affaires“, Ou lala!, denkt man sich da, und insgesamt lesen sich französische Cover immer ein wenig wie die Ankündigung zum Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne usw. Hier entstehen auch gerne Missverständnisse. So behandelt etwa „La désignation des gouvernantes“ nicht „Die Ernennung von Gouvernanten“, was den unbefangenen Leser etwas enttäuscht zurücklässt.

Spanische Bücher schließlich haben eine gewisse Lässigkeit. Selbst dem trockensten steuerrechlichen Thema wird hier mit dem passenden Sounding noch der abenteuerliche Charme eines windigen Gebrauchtwarenhandels verlieren, man sieht eine verlassene Tankstelle im Wüstensand, Heuballen wehen durch die Gegend und die Autorennamen klingen wie Cowboys oder Hollywoodschauspieler. Ay Caramba.

Lokalaugenschein

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Es gibt Bücher, die sind so seltsam, dass man es im ersten Moment kaum glauben kann. Eines davon ging noch kurz vor der Corona Krise als Verlagsgeschenk über unseren Schreibtisch. Da man ja nun wieder unter gewissen Einschränkungen in Restaurants und Bars konsumieren darf, haben wir es vor den Vorhang geholt.

Ich gebe zu, dass ich mir die Frage noch nie gestellt habe, bis mir dieses kleine Büchlein unterkam: Was essen Juristen gerne? – Laben sie ihr Herz gerne am saftigen Schweinsbraten während sie Verträge mit Schutzwirkung zu Gunsten Dritter erörtern? Stochern sie lieber im veganen Curry wenn sie Pflichtteile und Gesellschaftereinlagen berechnen, oder trifft man sie doch eher am bodenständigen Würstelstand? Wo kann man dieser juristischen Elite „leibhaftig“ begegnen, wenn man mal ein kleines Mietrechtsproblem besprechen muss, und wie ticken sie überhaupt, diese feinsinnigen, gesetzestreuen Halbgötter des Paragraphendschungels? Der Verlag Österreich hat es für uns herausgefunden.

Das jüngste Gericht 

Auf einem handlichen Broschürenformat erzählen hier namhafte Juristen von ihren Lieblingslokalen, warum sie dort gerne hingehen, und was man da am besten isst. Gerichtshofpräsidenten, Politiker und Großkanzleisten werden aufgeboten, und so viel sei verraten: Der gemeine Jurist ist eher kein Asket, er spricht gerne dem Wein und dem Kaffee zu und weiß eine gute, deftige Küche zu schätzen. Außerdem ist der „namhafte Jurist“, ausgehend von den Ausbildungsgenerationen immer noch eher ein Mann.

Von Tafelspitz bis Würstelstand

Tatsache, auch der Würstelstand kommt als Lieblingsadresse vor (und das in einer Stadt wie Wien völlig zu Recht!), aber auch erlesenere Speisen und Adressen werden besprochen. Den Vogel aber hat Heinz Krecji abgeschossen. Der 2017 verstorbene Experte für Unternehmensrecht erzählte hier von einer „kleinen feinen Adresse im 1. Bezirk“, wo ihn ein “ ganz besonderes Naheverhältnis mit der Wirtin“ verbindet, die ihm als Stammgast daher auch stets sein Leibgericht kocht:
„Angenehm ist auch, dass das Lokal rund um die Uhr offen ist. Meist bin ich schon am Morgen dort, zu Mittag oft und in der Regel auch am Abend. Außer ich habe einen anderen Termin. Dazu begleitet mich die Lokalbesitzerin. Sie sperrt dann das Etablissement schlicht und einfach zu.

Ich wünsche jedem so ein Lieblingslokal wie das meine. Das meine aber behalte ich für mich.“

In Memoriam Heinz Krecji

 

Haustürgeschäft

fliegende händler

WARNUNG. Jetzt in der Sommerzeit sind wieder vielerorts fliegende Bibliothekare unterwegs, die mit ausgesonderten Altbüchern und Restbeständen an arglosen Instituten hausieren gehen, daher: Seien Sie auf der Hut, öffnen Sie nicht unvorsichtig Ihre Bürotüro! Und denken Sie immer daran: Sie müssen die Ocksenbütteler Dreiwetterschrift zum gemeinen Knappschaftsverfahren von 1972 nicht nehmen, wenn Sie das nicht wollen!