Über die Auslegung der Benutzungsordnung

Auszüge aus dem Protokoll

Ad §3 „Essen und Getränke sind in den Räumlichkeiten der Bibliothek nicht gestattet.“
A: „Was genau gilt als Essen? Zählen dazu auch Schokoriegel und kleine Speisen?“
C: „Und was ist mit Bananen? Wo zieht man die Grenze?“
B: „Sobald Zähne zum Einsatz gelangen, ist es Essen.“
A: „Also auch Kaumgummi?“
B: „Auch Kaugummi.“
C: „Kaugummis können auch in Büchern kleben bleiben. Oder unter Tischen!“
B: „Sehr richtig.“
C: „Genau.“
A: „Ein Bananen-Bonbon wäre aber erlaubt.“
B: „Ein Bananen-Bonbon lutscht man, das kaut man nicht. Bananen-Bonbon ist erlaubt.“
Notiert wird: Die Zähne sind vor Betreten der Bibliothek an der Kasse abzugeben.

Ad §4 „Oberbekleidung wie Jacken und Mäntel sind vor Benutzung der Bibliothek in den dafür vorgesehenen Schließfächern zu deponieren.“
A: „Wie ist vorzugehen wenn jemandem kalt ist, und er deswegen seine Jacke nicht ausziehen will?“
C: „Es ist oft sehr kühl in der Bibliothek.“
B: „Wenn jemand friert, dann ist das Mitnehmen der Jacke ausnahmsweise gestattet.“
A: „Sie muss dann aber auch getragen werden.“
B: „Ja. Bei begründetem Kältegefühl darf man die Jacke anlassen. Wird die betreffende Person aber später mit ausgezogener Jacke angetroffen, dann ist zum Deponieren der Jacke im Schließfach aufzufordern. Die Jacke ist wird ja dann offenbar nicht benötigt.“
A: „Sehr richtig.“

Es wird notiert: Personen welche eine Jacke tragen, werden zum Deponieren der Jacke in den dafür vorgesehenen Schließfächern aufgefordert. Wenn die Jacke nicht abgelegt werden kann, da die Person darunter nur unzureichend bekleidet ist, kann ein entsprechendes Bußgewand beigestellt werden. Dieses ist während des Aufenthalts in der Bibliothek zu tragen.

Ad §5 „Mitnahme von Taschen in die Bibliothek“
B: „Ist nicht gestattet.“
A: „Taschen müssen in den dafür vorgesehenen Schließfächern deponiert werden.“
C: „Vorausgesetzt natürlich, es stehen ausreichend Schließfächer zur Verfügung.“
B: „Natürlich.“
Notiert wird: Fahrradkörbe, Bügelbretter und Taschen, ausgenommen Hosentaschen, sind nicht gestattet. Bei begründetem Verdacht kann die Bibliotheksaufsicht eine Leibesvisitation anordnen. Bibliotheksnutzer die eine Tasche mit sich führen, sind bis zum Verlassen der Bibliothek in ihren Schließfächern einzusperren.

Die Sitzung wird an dieser Stelle unterbrochen und nach der Mittagspause fortgeführt.

Magazinswelten – Der Untergrund

Hier war ich schon lange nicht mehr.
Man kann sich gut darin verirren..

Abstieg über die berüchtigte “Teufelsstiege”.

Das ver-rückte Labyrinth.

SHELFIE: Ich glaube ich habe mich in unserem eigenen Magazin verirrt.
Hoffentlich haben die Nutzer nicht meine ausgelegten Kaugummi-Krumen verspeist, die mir den Rückweg weisen sollten.

Es ist als ob es tausend Stäbe gäbe,
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Hier muss es doch irgendwo sein.

KRÄNE

die gewaltigen Tiere
mit metallenen Krallen
mit Neonlicht-Augen
und die Container, die fallen
unter grandiosem Gepolter
in den hungrigen Bauch
eines uralten Frachters,
und mein Herz, es poltert auch.

KRÄNE/Gisbert zu Knyphausen

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Heute: Zielgruppenspezifische Werbung 
Menschen, besonders solche in Informationsberufen, hinterlassen ständig Spuren im Internet. Aufgrund dieser Spuren wird man dann schon einmal der ein oder anderen Konsumentengruppe zugeordnet. Einmal zu oft nach einem aktuellen Buch zum Suchtmittelgesetz gegoogelt, schon landet man in einer Kategorie mit special interest für den Drogenmarkt.
Anhand von Spam-Mails und eingeblendeter Werbung kann unsereins Bibliothekarin ja recht leicht überprüfen welches schöne (oder hässliche) Bild sich da abzeichnet. Mein virtuelles Ich gibt mir aber schon seit längerem Rätsel auf.

Die Faktenlage: Ich bekomme Werbung für Viagra, und zwar nicht mal selten. Der hiesige Möbelhändler macht mich unter dem Stichwort “Wenn die starke Hand nicht reicht” auf Kettensägen und ähnliches Brachial-Spielzeug aufmerksam. Und dann wären da noch die netten Damen aus fernen Ländern, die mich besorgniserregend häufig per Ferndiagnose zum Ehemann auserwählen. 

Die Sache ist klar: Ich muss ein Mann sein. Ein Mann in den besten Jahren, vermögend, vielseitig interessiert, eine gute Partie.
Ich versuche mir mein virtuelles Ich vorzustellen, diesen weltoffenen und finanziell potenten Lebemann, der wochenends im Penthouse-Dachgarten die Kettensäge schwingt.
Nur: welche Klicks und Suchabfragen haben mir diesen zweifelhaften Ruf als “American Psycho” eingetragen? Auf welchen Irrwegen war ich denn da unterwegs dass mir Algorithmen solche unerhörten Dinge vorschlagen? Oder bekommen das alle? Ist das so eine Art kleinster gemeinsamer Nenner der in Studien mühsam errechnet wurde?

Auf eine komische, paradoxe chauvinistische Art schmeichelt mir das sogar. Lieber das, als Werbung für Diätpillen, Ovulationstests und Unterwäsche, oder womit man sonst als Frau so zugemüllt wird.
Dann doch lieber die Kettensäge.
Also, liebe Leserinnen und Leser, ich grüße recht artig und werde an Sie denken, wenn ich demnächst wieder mit stolzgeschwellter Brust und Damenbegleitung beherzt zur elektrischen Heckenschere greife.